Oktober 16, 2016

Wo geht’s denn hier zur Menschlichkeit? Teil 1

Liebe alle da draußen,

Lesbos – nach dem Brand vor einigen Wochen kurzzeitig wieder ins Bewusstsein der Menschen gerückt – ist diese kleine Insel nur ca. sechs bis acht Kilometer vor der türkischen Küste. Lesbos – früher beliebtes Ziel für Touristen, heute vielmehr Tor zu Europa, Ziel so vieler Menschen, Hoffnungsträger und unfreiwillige Heimat oder gar Endstation Tausender.

Noch vor einem Jahr passierten Tausende diese Insel täglich. Immer auf der Suche nach Sicherheit, einem Weg zum Festland, einer Zukunft. Heute kommen deutlich weniger an. Aber noch immer überwiegt die Zahl der Ankommenden die derjenigen, die aufs Festland weiterreisen dürfen. Aufs Festland zu gelangen bedeutet jedoch nicht, dass die Reise von dort aus direkt weiter gehen kann. Dort gibt es zwar die Chance auf das ersehnte Asyl-Verfahrensgespräch, doch für die meisten ist dort auch für lange Zeit erstmal Endstation. Wieder heißt es Wochen oder gar Monate warten bevor sich irgendetwas tut. Einige gehen auch auf die Insel zurück- freiwillig oder unfreiwillig.

Camp Moria, Lesvos, Greece, 1. December 2016
Camp Moria, Lesvos, Greece, Dezember 2016

Auf dieser Insel war nun also auch ich. Wie unzählige andere Freiwillige aus der ganzen Welt konnte und wollte ich nicht mehr in meinem sicheren Land sitzen und nichts tun. Ich wollte mir selber ein Bild machen, mit den Menschen reden, irgendwie helfen und ja, vielleicht auch ein bisschen für die Zukunft austesten wie ich mit einer solchen Situation umgehe. Also zog ich Mitte September los und erlebte die vermutlich emotional intensivsten Wochen meines Lebens. Ich werde versuchen die Zeit, Erlebnisse und Begegnungen in den kommenden Wochen mit euch zu teilen, denn ich bin der Meinung, dass jeder aus erster Hand erfahren sollte, warum diese Menschen dort sind. Was ihre Beweggründe sind, ihr Hoffnungen. Wie es ihnen dort geht und was jeder Einzelne von uns tun kann. Und ja, ein bisschen wird es auch davon handeln, wie Paule auszog um ein neues Stück Welt zu entdecken und an den unerwartetsten Orten Herzlichkeit und Freundschaft fand……

Wo geht’s denn hier zur Menschlichkeit? Teil 2

Paradoxerweise braucht es erst einen Brand, um die Lage der Flüchtlinge auf Lesbos für einen kurzen Moment zurück in das öffentliche Gedächtnis zu bringen. Die Lage vor Ort ist natürlich allgemein und eigentlich unübersehbar schwierig, doch verdeutlicht eine extrem Situation wie z.B. der Brand in Moria diese nochmals. Von den Medien unnötig weiter aufgepushed, waren die Ereignisse des 19. September 2016 auch in Realität schlimm genug. Viele der Geflohenen haben nicht nur all ihre Papiere an das Feuer verloren, sondern auch das wenige, was sie an persönlichen Gegenständen besaßen. Vielleicht noch schlimmer als der Verlust der Wertgegenstände und Dokumente, ist die erneute Konfrontation mit der nicht existenten Sicherheit. Stattdessen dominieren in Moria Unsicherheit, Instabilität, Ungewissheit, Gewalt. Alte, noch nicht verheilte Wunden werden im Bruchteil einer Sekunde wieder aufgerissen, die Beklemmung kehrt zurück. Moria wird wegen dem Brand evakuiert, die Leute fliehen in die umliegenden Olivenhaine oder Wälder. Viele zieht es in die nahgelegene Stadt Mytilini. Doch wie an so unfassbar vielen anderen Orten dieser Erde, will man sie auch dort eigentlich nicht haben. Wir wollen hinfahren, sehen ob wir irgendwie helfen können. Es ist mein erster Abend auf Lesbos, ich habe keine Ahnung was mich erwartet. Die Straßen und Zufahrten zu dem ehemaligen Gefängnis, heute Unterkunft für um die 3000 Geflohene, sind gesperrt. Wir steigen im Dorf Moria aus- eine Ansammlung von ca. 50 Personen stellt sich nach wenigen Minuten als eine Versammlung von Menschen mit rechter Gesinnung heraus. Wir versuchen abseits zu bleiben und setzen uns auf eine Mauer im Schatten eines Hauses. Schnell verstehen wir: Die Menschen hier versuchen zu verhindern, dass die Geflohenen ihr Camp verlassen und in den Dörfern für die Nacht Schutz suchen. Wieder ein Versuch die Flucht zu verhindern. Wir warten. Der Fahrer unseres Autos ist in eine andere Richtung gelaufen, näher an das Camp heran. Unsicherheit befällt nun auch uns. Und Wut. Wut so etwas zu sehen und nichts machen zu können. Sollen wir wo anders hin gehen? Sind wir hier sicher?  Können wir hier wirklich sitzen und nichts machen? Es fühlt sich falsch an….

Auf einmal raschelt es hinter uns. Erst sehen wir eine Person, die aus dem Schatten hinter dem Haus tritt, dann folgen weitere. Sie schauen sich um, immer und immer wieder, dann huschen sie los. Sie sind auf der Flucht. Wir rutschen beiseite, um zwischen uns und dem Zaun mehr Platz zu machen und sie durchzulassen. Einer der Männer trägt sein schlafendes Baby auf dem Arm. Die Angst in seinen Augen, als er uns sieht – niemals werde ich diesen Ausdruck vergessen. Was tun wir Menschen uns gegenseitig an? Was ist mit der Welt passiert, dass ein Mensch als erste Reaktion einer Begegnung Angst und Panik empfindet? Wir können in diesem Moment nichts weiter machen, als mit dem Finger auf dem Mund zu symbolisieren, dass sie leise sein müssen. Die Menschenmenge wartet hinter den uns Schutz bietenden Autos nur darauf sie zu entdecken. Sie haben Glück und werden nicht entdeckt. Sie entkommen. Wieder auf der Flucht. Wieder gejagt – und das an einem Ort, an dem sie eigentlich in Sicherheit sein sollten.

Doch genug der Worte von meiner Seite. Wer könnte besser vermitteln was in den Menschen in Moria vorging, als einer von ihnen?! Hussam hat als minderjähriger den Irak verlassen – mittlerweile ist er achtzehn. Er verarbeitet seine Erlebnisse mit Stift und Papier. In der Nacht des Brandes schrieb er dieses Gedicht und hat mir erlaubt, es mit euch zu teilen…

Will this be another of day in night in here?
the knife’s not sharp enough to fear!
I’ll return from darkness and will save your precious skin
i’ll end your suffering and let the healing lights come in
sent by forces beyond salvation
there can be not one sensation
moria on fire with smoking burn
stops everything and everyone
brace yourself for all will pay
help is on the way
Fire took my best friends, don’t you see?
Time was a ticking bomb thrust in me.
Did black cats traverse my way?
Did bad luck linger over me day by day?
If the flames would have examined my heart,
Would angels be grabbing you to depart?
I saw it the moment we became friends.
Tick…tick…tock…my heart will burst when time ends.
Silence began moments ago,
When a voice said its time to let go.
No!…please!…no!
Tick…
Tick…
Tock…
I could not stop the
 Clock…
Flames burnt my Life,
this is what i call by bad luck.

People run away of wars and destruction to come here,
yet they’re not in a safe place.


Dieser Beitrag ist zuerst auf dem Blog pauleentdecktdiewelt.wordpress.com erschienen.