Text: © Nora    Fotos: ©Ralf Henning


Deutschlandfunk:

In den letzten Monaten sind auf Lesbos Tausende Plätze für Flüchtlinge entstanden,

wo sie wenigstens vorübergehend bleiben können. Das reicht für die aktuellen Flüchtlingszahlen.

Doch bald schon, wenn das Wetter wieder besser wird, werden die Zahlen steigen.

Freiwillige versuchen sich auf diese Situation vorzubereiten.

http://www.deutschlandfunk.de/fluechtlinge-auf-lesbos-einwohner-erwarten-wieder-mehr.1773.de.html?dram:article_id=344203

Reise

Müde.

Viel zu früh los Richtung Frankfurt.

Düsseldorf wäre schöner gewesen, aber man hat mir gesagt, es sei möglich,  dass man spontan an die griechisch- mazedonische Grenze,  in der Nähe von Thessaloniki „umziehen“ müsse, falls auf Lesvos keine Menschen mehr ankämen.

Dem ist nicht so, wie wir inzwischen wissen.

Jedenfalls habe ich darum via Thessaloniki gebucht und das geht nur von Frankfurt.

Egal. Ist nun so.

Ein paar Sitze weiter sitzt ein Typ mit Sonnenbrille und sein Kopf wackelt im Takt eines Basses, der schon vor Stunden verklungen sein muss.

Völlig drupp.

Er fragt mich, wo ich hin will. Ich antworte: Disneyland.

Der Flug ist angenehmer als die Zugfahrt, vielleicht, weil ich inzwischen etwas wacher bin.

In Thessaloniki treffe ich einen Teamkollegen, den ich bisher nur über den Chat kenne.

Er hat nur einen Rucksack mit, ich (gefühlt) den halben Lagerbestand eines Outdoor-Shops.

Meine Freunde haben mich ausgelacht, meinten, ich werde den ganzen Krempel nicht brauchen.

Sie haben sich geirrt, aber das weiß ich noch nicht und komme mir bescheuert vor.

Leider kontrolliert der Zoll meinen Koffer nicht.

Abgesehen von der Funktionskleidung, ist er voller Socken, weil man mir sagte, die seien am dringendsten benötigt.

Ich hätte die Gesichter der Beamten gerne gesehen.

Wir reden und trinken die Aufregung weg. Griechisches Bier ist ok. Gut zu wissen.

Ankunft

Die Begrüßung am Flughafen ist herzlich, die Begrüßung im Apartment auch.

Die Wohnung ist ein Altbau-Traum. Antike Möbel und Chichi überall. Nur keine Heizung.

Zimmer, Essen und Wein gibt es genug, Geschichten sowieso.

Wir essen zusammen und ich erfahre einiges über die Geschichte der Insel als „Refugee-Island“.

Flüchtlingscamp Moria, Lesbos, Griechenland
Flüchtlingscamp Moria, Lesbos, Griechenland, Januar 2016

Ich begreife noch nichts, obwohl ich mich vorbereitet habe.

Eine Freundin aus Dortmund, die etwas später angekommen ist und ich teilen ein Zimmer.

Die Nervosität lässt nach und ich schlafe trotz der Kälte verdammt gut.

Blick auf Mytilini, Lesbos, Griechenland
Blick auf Mytilini, Lesbos, Griechenland, Januar 2016

Wikipedia:

Die Hafenstadt Mytilini [mitiˈlini] (griechisch Μυτιλήνη (f. sg.), altgriechisch Mytilēne, türk.

Midilli) ist wirtschaftliches, administratives und kulturelles Zentrum der griechischen Insel

Lesbos. Die Stadt ist Verwaltungssitz der gleichnamigen Gemeinde (Δήμος Μυτιλήνης Dimos

Mytilinis), der Region Nördliche Ägäis und Hauptstandort der Universität der Ägäis.

Nach der Eroberung von Lesbos durch griechische Truppen wurde Mytilini 1918 als Stadtgemeinde (dimos) anerkannt. 1997 wurde das Gemeindegebiet durch zahlreiche

 Eingemeindungen stark vergrößert. Diese Gemeinde ging anlässlich der Verwaltungsreform 2010 in der neu geschaffenen Gemeinde Lesbos auf, die das gesamte Gebiet der 

Insel umfasst, und bildet in dieser einen von dreizehn Gemeindebezirke

Mytilini, Der Hafen

Flüchtlinge vor Fähre aufs griechische Festland, Mytilini, Les
Flüchtlinge vor Fähre aufs griechische Festland im Hafen von Mytilini, Lesbos, Griechenland, Januar 2016

Frühstück, Stadtführung. Der Hafen.

Hier warten die Refugees auf was auch immer. Werde ich noch erfahren, vermute ich.

Eine baufällige Schwimmhalle, die im Sommer aufgebrochenen wurde

und den Menschen als notdürftiger Schutz vor der brennenden Sonne diente,

steht verlassen da und wir gehen rein. Ein Stofftier hier, eine Decke mit UNHCR-Logo dort.

In den Umkleiden stinkt es bestialisch. Toiletten gab es damals nicht. Auch kein Wasser.

Der ganze Hafenbereich muss voller Menschen gewesen sein. Totales Chaos.

NBK

No Border Kitchen, Mytilini, Lesbos, Griechenland
No Border Kitchen, freies Projekt, das für Flüchtlinge in Mytilini kocht und auch Flüchtlinge in Zelten beherbergt, Lesbos, Griechenland, Januar 2016

Wie gehen weiter das Hafenbecken entlang zur No-Border-Kitchen, dem Anarchist-Camp.

Ein Stückchen Strand zwischen einem öffentlichen Badestrand und den steilen Klippen,

seit November besetzt.

Es ist nicht viel los heute.

Nur ein, zwei Familien sind im Camp.

Irgendwer hat ein Trampolin organisiert, auf dem Kinder wild herumspringen.

Trotz des lauten Lachens sieht man ihnen die lange Reise an.

Sie tragen zum Teil so viele Klamotten in Schichten übereinander, als hätten sie versucht,

den kompletten Inhalt ihres Kleiderschranks anzuziehen.

Vermutlich haben sie genau das getan.

Später werde ich Menschen immer wieder sagen, dass sie alle ihre Sachen mitnehmen sollen,

dass es hier zwar recht warm ist, aber sie Richtung Norden reisen werden.

Irgendwann zeige ich ihnen Bilder vom Brandenburger Tor im Schnee, damit sie verstehen.

Hinweisschilder für Flüchtlinge, Mytilini, Lesbos, Griechenlan
Hinweisschilder für Flüchtlinge, daß wenn sie weiter nördlich reisen es noch kälter wird und daß sie deshalb Mütze und Handschuhe benötigen und sie die Decken und Schlafsäcke, die sie von den Flüchtlingshelfern erhalten haben, mit auf die Reise nehmen sollen, Mytilini, Lesbos, Griechenland, Januar 2016

 

Es wird gemeinsam gekocht, gemeinsam gegessen.

Hier leben und arbeiten alle zusammen- Refugees und Besetzer und Straßenhunde.

Ich treffe ein paar Leute aus Deutschland, die ich von Konzerten kenne und fühle mich wohl.

Mytilini

Wir wandern zur Burg hoch und blicken über das Meer. Die Türkei wirkt so nah.

Man könnte hinüber spucken, denke ich.

Mir fällt der Typ ein, der die Strecke geschwommen ist

und plötzlich wirkt die Distanz unüberwindbar.

Blick auf türkische Küste am frühen Morgen, Südküste nahe F
Blick auf türkische Küste am frühen Morgen, Südküste nahe Flughafen, Lesbos, Griechenland, Februar 2016

Später, nachdem ich die ersten Boote mit eigenen Augen gesehen habe,

werde ich mich auch erinnern, dass er gesagt hat, zu schwimmen sei ihm sicherer erschienen.

Noch etwas später werde ich ihm Recht geben.

Griechische Küstenwache nimmt Flüchtlingsboote im Meer vor Les
Griechische Küstenwache nimmt Flüchtlingsboote in den griechischen Gewässern vor Lesbos an der Grenze zur Türkei, auf und bringt die Geflüchteten in den Hafen von Mytilini/Lesbos/Griechenland.

Es ist alles sehr, sehr ruhig. Die griechische Küstenwache versucht, die Boote abzufangen,

die Menschen an Bord zu nehmen, oder die winzigen Dinger in den Hafen zu schleppen.

Ob- und wie lange das klappt, weiß niemand.

Die Stadt ist so süß, dass ich mich wie im Urlaub fühle.

Kleine Geschäfte, Tavernen, wunderschöne Häuser.

Hafen Mytilini, Lesbos, Griechenland
Hafen Mytilini, Lesbos, Griechenland, Januar 2016

Am Abend gehen wir in eine Taverne. Das Essen ist gut, der Wein fast noch besser.


Moria, BDFM

Ich entscheide mich spontan für eine Nachtschicht in Moria.

Wir fahren aus Mytilini raus, am Meer erlang, dann etwas ins Land durch Olivenhaine

und plötzlich sind da riesige Zäune. Wir parken. Guantanamo, denke ich.

Eine schmale Straße führt den Hügel hoch.

Links liegt Moria, als Gefängnis gebaut, als Lager genutzt.

Flüchtlingsregistrierungsstelle Moria (Hotspot), Lesbos, Griech
Flüchtlingsregistrierungsstelle Moria (Hotspot), Lesbos, Griechenland, Januar 2016

Rechts Better Days For Moria- ein Camp,

wo die Flüchtlinge kostenlos Essen und fast wichtiger noch, trockene Kleidung bekommen können, ein paar Nächte ausharren, falls sie das Ticket für die Fähre nicht bekommen, oder bezahlen können.

Flüchtlingscamp Moria, Lesbos, Griechenland
Flüchtlingscamp Moria, Lesbos, Griechenland, Januar 2016

Kurze Einweisung. Ich bin die einzige Neue heute.

Kleidung sortieren –  kenne ich schon aus Deutschland.

Rettungsdecken zerschneiden und in Socken stecken – kenne ich eher nicht.

Ich frage nicht nach dem Sinn, mache es einfach und als alles soweit sortiert ist, gehe ich ins Tee-Zelt. Da sitzt eine Frau mit drei kleinen Kindern.

Der kleine Junge ist schrecklich müde, aber der größere will spielen. Wir finden einen Karton. Passt. Fussball. Die Mutter hat das Papier von der Registrierung achtlos in die Tasche gestopft.

Sie weiß nicht, wie wichtig es ist.

Gegen vier sagt der Schichtleiter, dass wir gehen können.


Spiegel Online:

Nach Angaben des Uno-Flüchtlingshilfswerks UNCHR sind seit Anfang des Jahres

mehr als 76.600 Menschen von der türkischen Küste über das Meer nach

Griechenland gekommen. Darunter sind auch immer mehr Kinder. Mindestens 366

Menschen starben in den ersten Wochen des Jahres auf ihrer Flucht im Mittelmeer.

http://www.spiegel.de/politik/ausland/fluechtlinge-griechenland-stellt-auf-chios-zweiten-hotspot-fertig-a-1077381.html


Rubber Dinghis

Wir reden noch ein wenig, dann beschließen wir, die Spotting-Punkte abzufahren.

Zurück durch die Stadt, Richtung Flughafen.

Wir fahren auf den ersten Punkt zu und plötzlich tritt mein Begleiter auf die Bremse.

„Da ist ein Boot!“

Ich bin völlig überfordert. Damit habe ich nicht gerechnet. Nicht jetzt. Nicht am ersten Tag.

Ja- da ist ein Boot und im nächsten Moment sieht man auch die Helfer, die bereit stehen. Rettungsschwimmer im Wasser.

Flüchtlingsbootlandung, Südküste, Lesbos, Griechenland
Flüchtlingsbootlandung, Südküste, Lesbos, Griechenland, Februar 2016
Flüchtlingsbootlandung, Südküste, Lesbos, Griechenland
Flüchtlingsbootlandung, Südküste, Lesbos, Griechenland, Februar 2016

Ich glaube, es sind sechs. Drei auf jeder Seite.

Einige Menschen bilden einen Korridor an der Stelle, wo das Boot vermutlich anlanden wird.

Ich sehe nur Rettungswesten. Wie viele Menschen sind das?

Ich schätze 30, lerne aber später, dass die Kinder in der Mitte auf dem Boden sitzen

und man sie nicht sehen kann. Das Boot ist nun fast da.

Man kann die Leute schreien hören, Kinder weinen.

Die Rettungsschwimmer bedeuten den Menschen im Boot, den Motor auszustellen.

Irgendwie schaffen sie es und es ist eine traumhafte Landung. Ganz sanft.

Das erkenne ich allerdings da noch nicht.

Für mich sieht es schrecklich gefährlich aus, wie das winzige Ding auf den Strand rutscht.

Ich mache mir fast in die Hose. So viele Kinder, alte Leute.

Endlich klettern die ersten Menschen von Bord.

Ich stehe neben den Helfern und weiß nicht, was ich tun soll.

Irgendwie wird es aber dann doch klar.

Leute stützen, wenn sie den Hang herauf müssen, schauen, ob die Füße nass sind.

Es gibt Kisten mit trocken Socken und Schuhen,

die sich scheinbar aus dem Nichts materialisiert haben.

Der UNHCR-Bus, der die Menschen nach Moria bringen soll, lässt auf sich warten.

Ein junger Mann, der sich schon direkt nach der Landung die Seele aus dem Leib gekotzt hat,

hustet noch immer. Ich gehe hin. Er wirkt weggetreten. Wo sind die Sanitäter?

Eine Frau hält ihm eine Knabberstange hin. Ich schlage sie ihr vor Schreck fast aus der Hand.

Er würde ersticken an dem Ding. Eine Ärztin kommt, kümmert sich um ihn.

Der UNHCR-Bus kommt auch endlich.

Alle steigen ein, auch der junge Mann, der noch immer hustet.

Wir fahren weiter. R. will mir noch schnell einen anderen Punkt zeigen,

an dem häufig Boote ankommen. Katia Beach, lerne ich später.

Wir sind noch keine Minute gefahren,  als ich ein weiteres Boot entdecke. Man muss einen Hang runter.

Im Wasser steht nur ein einzelner Rettungsschwimmer.

Ich hatte mich darauf eingestellt, ins Wasser zu müssen, aber doch nicht so!

Bevor ich ganz da bin, taucht D. auf. Er wohnt im Apartment unter uns und ich hatte ihm bereits meine Hilfe angeboten, falls nötig.

Zwei weitere Männer im Neopren-Anzug steigen ins Wasser und D. schickt mich in die Mitte,

wo die Leute aus dem Boot klettern sollen. Es klappt auch hier wieder gut.

Nun trudeln auch die anderen Helfer ein.

Alle Ankommenden sind trocken und soweit gesund, aber schrecklich still.

Man erklärt mir, dass die Leute ihre Ankunft sonst eher feiern, wenn alles gut ist.

Nichts. Ein junger Typ steht völlig regungslos da, antwortet mir nicht.

Ich denke erst, er habe vielleicht einen Schock, dann, er habe eine Behinderung.

Etwas muss auf der türkischen Seite passiert sein.

Die Rede ist von einem dritten Boot, das nicht angekommen ist.

Auf einmal stehen da Clowns, machen Faxen mit den Kinder.

Clowns without Borders, Lesbos, Griechenland
Clowns without Borders, eine Gruppe von Artisten, die weltweit in Krisengebieten zur Unterhaltung und Aufheiterung von Geflüchteten auftreten, Februar 2016

Möglicherweise der skurrilste Moment meines Lebens.

Die Kinder finden es gut und der Typ mit dem starren Gesicht lacht plötzlich so laut, dass ich auch lachen muss. Wir warten ewig auf den Bus. Genug Zeit, um ein wenig zu reden.

Immer wieder fällt der Name der Stadt „Aleppo“, in einem Ton, den ich nicht einmal beschreiben kann, ohne zu weinen.

Der Bus kommt, die Menschen steigen ein. Einen kleinen Jungen auf dem Arm, laufe ich hinter.

Die Mutter hat noch drei weitere Kinder dabei und nicht genug Arme.

Wir fahren zurück. Ich bin zu müde zum Schlafen. Frühstück.

Irgendwann gehe ich dann doch ins Bett und schlafe wie ein Stein.


PIKPA

DSC_0615©ralf_henning.jpg

Wir besichtigen weitere Projekte.

Pikpa. Ein Camp für die „verletzlichen Fälle“. Hier ist es viel friedlicher, als in BDFM.

Nach der morgendlichen Besprechung packen wir mit an, sammeln Müll, renovieren einen Gemeinschaftsraum, reden mit ein paar Leuten.

Natürlich finde ich einige Volontäre toll, andere nerven schrecklich. Ganz normal eben.

Ich erfahre mehr über die Refugees, die hier wohnen.

Menschen mit Behinderung, allein reisende Frauen mit Kindern, Kranke, Menschen, die Angehörige auf der Reise verloren haben.

Ein junger Mann ist seit einigen Wochen da.

Er wartet auf seinen Sohn. Er war auf einem Boot, das nicht angekommen ist.

Eigentlich wartet er nicht mehr. Er hat schon zwei Mal versucht, sich das Leben zu nehmen.


Andere Projekte

Ein anderes Lager schließe ich aus, ohne es gesehen zu haben. Es wirkt unsympathisch.

Die Helfer müssen sich für mindestens vier Wochen, durchgehende Schichten verpflichten

und man arbeitet nicht mit anderen Organisationen zusammen, selbst wenn das Essen ausgeht.

Es dürfen nur syrische Familien dort bleiben.

[…]

VOA:

LONDON – NATO warships are heading to the Aegean Sea to help Turkey and Greece stop human traffickers, marking the entry of the alliance into efforts to deal with the growing flow of migrants to Europe.

NATO Secretary-General Jens Stoltenberg on Thursday said three ships under German command were being deployed immediately to help the Turkish and Greek coast guards with reconnaissance and surveillance. For now, the vessels do not have orders to intercept boats carrying migrants.

The decision to send the ships came at the end of a two-day meeting of NATO defense ministers at the alliance’s headquarters in Brussels and was in response to a request by Germany, Turkey, and Greece.

http://www.voanews.com/content/nato-aegean/3186375.html


Hope Center

In Mytilini ist es ruhig. Das Wetter ist mies und Gerüchte, die NATO sei schon da, machen die Runde. Warum auch immer – es kommen keine Boote mehr an.

Das Team wird nervös. Soll man abreisen? Idomeni vielleicht?

Wir fahren in den Norden zum Hope Center.

Aufbau Flüchtlingsprojekt »Hope Center«, Lesbos, Griechenland
Aufbau des Flüchtlingsprojekts »Hope Center« in einem ehemaligen Hotel an der Nordküste nahe Molivos, Lesbos, Griechenland

Ein Hotel, das von zwei Engländerinnen renoviert wird und irgendwann ein Zufluchtsort für Flüchtlinge werden soll.

Nach einigem Suchen finden wir es endlich.

Das „Hope Center“ ist einer der schönsten Orte, die ich je gesehen habe.

Aufbau Flüchtlingsprojekt »Hope Center«, Lesbos, Griechenland
Aufbau des Flüchtlingsprojekts »Hope Center« in einem ehemaligen Hotel an der Nordküste nahe Molivos, Lesbos, Griechenland.

Ein hübscher, etwas in die Jahre gekommener Bau auf den Klippen über einer romantischen Bucht.

Eine Tafel neben dem Kamin in der ehemaligen Empfangshalle informiert über anstehende Aufgaben. Eine davon: „Make friends with NATO“.

Niemand fragt, wer man ist, oder was man will, alle sind einfach da, reden, arbeiten,

essen gemeinsam. Ich könnte ewig hier bleiben.

Aufbau Flüchtlingsprojekt »Hope Center«, Lesbos, Griechenland
Aufbau des Flüchtlingsprojekts »Hope Center« in einem ehemaligen Hotel an der Nordküste nahe Molivos, Lesbos, Griechenland. Ankleideraum für Frauen und Kinder.

Wir buddeln „begrabene Boote“ aus dem Strand. Sie wiegen Tonnen. Sand, in die Gummihüllen gespült macht es unmöglich zu sehen, wo die nächste Windung anfängt, oder aufhört. Meine Finger schmerzen.

Man muss die Dinger zentimeterweise aus ihrem Grab schneiden.

Irgendwie aber beruhigend, dass das Gummi stabiler ist, als ich dachte.

Ich merke, dass man besser vom Wasser aus Richtung Strand arbeitet und entscheide, morgen mit meinem Neopren-Zeug zurückzukommen.

Am nächsten Tag machen wir am selben Ort mit dem selben Boot weiter.

Wir wollen es unbedingt ganz ausbuddeln. Ein Team neben uns schafft es. Wir nicht.

Ich erfahre mehr über die Geschichte dieses Ortes, als mir lieb ist.

Im letzten Sommer, als die meisten Boote noch hier ankamen – die türkische Küste ist nur 7 km entfernt – muss es die Hölle gewesen sein.

Gestrandetes Flüchtlingsboot, Nordküste bei Skala Sikaminias,
Gestrandetes Flüchtlingsboot, Nordküste bei Skala Sikaminias, Lesbos, Griechenland, Januar 2016

Das Hotel stand noch leer und nur eine Familie, die ihr Haus direkt am Strand hat, war da um zu helfen. Die ganze Bucht soll voller Boote, Menschen, voller Leichen gewesen sein.

Ich kann es mir nicht vorstellen, versuche es trotzdem, schaue aufs Wasser und entdecke eine Jacke, die sich irgendwie am Grund im flachen Wasser vergangen hat.

Es sieht aus, als strecke jemand die Arme in die Höhe, um nach Hilfe zu rufen. Ich muss würgen.

Wir überlegen, am nächsten Tag wiederzukommen, doch dann kommen plötzlich wieder Boote an.


Campfire

Im Laufe der Zeit finden wir alle unseren Platz.

Die meisten in BDFM, verschiedene Schichten, einige in Pikpa.

Ich lande am Strand, wo ich eigentlich von Anfang an hin wollte.

Boote annehmen, Menschen begrüßen.

Der Ort, von dem aus die Einsätze am Strand koordiniert werden, heißt „Campfire“.

Der Name ist Programm. Es gibt ein Lagerfeuer.

Etwas verloren stehe ich anfangs herum, bis ich eine Einheimische treffe, die sich hier um Alle kümmert.

Die Hunde, Katzen, Volontäre, Touristen und um die Refugees natürlich.

Eigentlich hat sie ein kleines Reisebüro.

Auch wenn es da im Moment nicht viel zu tun gibt, frage ich mich, wie sie es schafft,  überhaupt noch ihre Alltag zu regeln, während sie jede Nacht am Strand ist und Einsätze koordiniert.

Am nächsten Tag ist Koordinations-Meeting und danach frage ich sie, ob ich ihr helfen kann.

Ja!

Nach einer gemeinsamen Schicht wechseln wir uns ab.

Ich erkläre den Helfern, was wohin muss, dass man nicht vor, oder in ankommende Boote springt, wenn man am Leben hängt und dass man nicht sofort losrennen soll, sobald ein Boot rechts ankommt, falls das nächste links von uns anlandet, damit ich nicht plötzlich alleine da stehe.

Flüchtlingsbootlandung, Südküste, Lesbos, Griechenland
Flüchtlingsbootlandung, Südküste, Lesbos, Griechenland, Februar 2016

TagesWoche:

Auch die Helfer erlebte Schmid als sehr unterschiedlich. Jene, die schon länger vor Ort

waren, agierten ruhig und professionell, wenn ein Boot in Sichtweite kam, «andere wirkten

komplett dilettantisch, durch ihre Aufregung verschlimmerten sie die Situation eher noch». 

http://www.tageswoche.ch/de/blogs/bildstoff/705030/

Meistens klappt die Koordination. Meistens, aber nicht immer.

Ein Boot rechts, ein weiteres weiter rechts, noch eines.

Ich stehe an „Campfire“ mit den letzten drei Volontären und habe ein mieses Gefühl, was den Bereich links von uns betrifft.

Eigentlich soll ich nicht weg, aber keiner hat ein Auto, also fahre ich.

Am Flughafen vorbei, um die nächste Ecke und plötzlich steht eine Gruppe Menschen mitten auf der Straße.

Ich trete auf die Bremse und bringe das Auto wenige Meter vor den Leuten zum Stehen.

Mein Herz rast.

Ich springe aus dem Auto und breche die erste Regel: „Do not shout at anybody“.

„This is Europe. You are save (diesen Satz habe ich so oft gesagt, dass er automatisch aus meinem Mund fällt)  dann:

But what the fuck are you doing here? Go off the street, it is dangerous, are you crazy?“

Die jungen Männer starren mich an, fangen an zu lachen und fragen sich vermutlich, was mit der irren Frau nicht stimmt und ob hier Alle so sind.

Dann sehe ich, dass niemand da ist, dass sie ganz alleine angekommen sind und ich fange vor Schreck an zu weinen.

Umarmungen von allen. „Don´t worry, all good.“ Wir spielen „Fang den Energie-Riegel“.

Rettungswesten, Rettungsringe, Südküste, Lesbos, Griechenland
Rettungswesten, Rettungsringe, Südküste, Lesbos, Griechenland, Januar 2016

Ab jetzt bin ich jede Nacht hier.

Mal sind es zehn Boote, mal dreißig, mal kommt keines an.

Während ich schreibe, sitze ich im Auto. Es regnet und stürmt. Wenn heute jemand da draußen ist, werden sie es nicht schaffen.

Die Wellen sind grausam und der Wind auch.

Ich würde beten, wenn ich wüsste, wie.

Alle halbe Stunde springe ich aus dem Auto und lege neues Holz auf unser Feuer.

Es wärmt uns und die ankommenden, meist triefnassen Menschen, dient als Orientierungshilfe für die Boote.

Mir ist kalt. Ich kann und will mir nicht vorstellen, wie es dort draußen sein muss.


Schmuggler

Heute habe ich gelernt, dass die Flüchtlinge selber nicht mehr aussteigen können, wenn sie einmal bezahlt haben.

Der Schmuggler kassiert. Sie warten. Der Schmuggler sagt „go“, sie gehen.

Wer sich weigert, wird gezwungen. Bei miesem Wetter ist es billiger.

Doppeltes Risiko, halber Preis.

Strand mit Flüchtlingsbootsresten und Rettungswesten, Südküst
Strand mit Flüchtlingsbootsresten und Rettungswesten, Südküste, Lesbos, Griechenland, Februar 2016

RuhrNachrichten:

Nach der Schließung der Balkanroute ist die Zahl der neu ankommenden Flüchtlinge in Deutschland drastisch gesunken. Im März wurden nur noch 20.608 Asylsuchende im sogenannten EASY-System registriert, wie Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) am Freitag in Berlin mitteilte. Im Februar waren es noch gut 60.000 gewesen, im Januar etwa 90.000. Zu Hoch-Zeiten im vergangenen November hatte die Zahl bei mehr als 200.000 gelegen.

http://www.ruhrnachrichten.de/nachrichten/politik/aktuelles_berichte/Fluechtlingszahlen-sinken-drastisch;art29862,2989391

 

Die Gesamtsituation

Die Tage verschwimmen. Wir alle fragen dauernd, welcher Wochentag es ist.

Die Grenzen sind zu. Die Balkanroute dicht. Menschen schlafen in Idomeni im Freien, ertrinken in Flüssen bei dem Versuch, die Grenzzäune zu umgehen. Viele Helfer gehen dorthin. Nicht genug.


Neue Freunde

Die Polizei droht der No-Border-Kitchen mit Räumung.

No Border Kitchen, Mytilini, Lesbos, Griechenland
No Border Kitchen, freies Projekt, das für Flüchtlinge in Mytilini kocht und auch Flüchtlinge in Zelten beherbergt, Lesbos, Griechenland, Januar 2016

Es passiert am Ende nichts, aber da das keiner wissen kann, müssen die Menschen vorerst weg.

Zum Teil gehen sie nach Moria, zum Teil in besetzte Häuser in der Stadt, zum Teil sonst wohin. Hängt vom Status ab, wie alles hier.

So lernen wir den iranischen Regisseur kennen.

[…]

Man ist hinter ihm her, weil er einen Film über Kinderarbeit gedreht hat und einen über das Gute und das Böse. Zuviel Hirn, Hingabe, Zweifel für das Regime, zumal seine Familie dicke Fische in Religion und Regierung sind.

Er bekäme Asyl in Deutschland, da bin ich sicher, doch wie soll er dorthin kommen, wo doch die Grenzen zu sind?

Einen legalen Weg scheint es nicht zu geben. Die anderen Wege sind unsicher.

Ein Freund in Deutschland mit iranischen Wurzeln übersetzt das wichtigste.

Unser Gegenüber ist so nervös und verängstigt, dass ich mich frage, ob wir ihm mit dem geplanten gemeinsamen Essen einen Gefallen tun.

Tun wir.

„Ich sitze auf einem Balkon, wo uns jeder sehen könnte, mit zwei Frauen, die nicht meine Schwestern sind und es ist ok. Ich bin frei.“

Mir dreht sich der Magen um, wenn ich mir vorstelle, dass dieser Mann deportiert werden könnte.

Ich hole Wein und Bier und frage vorsichtig, ob er auch etwas möchte.

Alkohol und so…

Er möchte.

„Und jetzt sitze ich auf einem Balkon, wo uns jeder sehen könnte, mit zwei Frauen,

die nicht meine Schwestern sind und trinke ein Bier.“

Er weint. Ich nicht. Noch nicht.


Am Strand

Ich bin weiter am Strand. Ein gehörloser Junge, mit dem ich mich in Gebärdensprache unterhalte, ein Baby mit Kriegsverletzungen an den Füßen, die vermutlich eine Amputation erfordern werden, ein halb totes Kind (es hat überlebt, wie wir drei Tage später erfahren), ein Rettungsschiff der Küstenwache, das nur ein paar Frauen und viele Kinder von einem Boot in Seenot bringt.

Griechische Küstenwache nimmt Flüchtlingsboote im Meer vor Les
Griechische Küstenwache nimmt Flüchtlingsboote in den griechischen Gewässern vor Lesbos an der Grenze zur Türkei, auf und bringt die Geflüchteten in den Hafen von Mytilini/Lesbos/Griechenland.

Ich bin im Wasser, um das kleine Schiff zu stabilisieren und die Kinder an Land zu bringen – das kleine Ding konnte nicht alle Menschen aufnehmen. Einige Eltern sind noch da draußen.

Wir warten auf das Boot, doch es kommt einfach nicht.

Vielleicht ist es woanders angelandet, vielleicht hat es die Küstenwache aufgenommen, vielleicht…

Spiegel:

Iran hat laut einem Bericht von Amnesty International in der ersten Jahreshälfte fast 700 Menschen hinrichten lassen – beinahe so viel wie im gesamten Vorjahr. 694 Todesurteile seien zwischen Januar und Mitte Juli vollstreckt worden, meldete die Menschenrechtsorganisation in London unter Berufung auf „glaubwürdige Berichte“. Dies sei ein „beispielloser Anstieg“, die Gründe dafür seien unklar. 

Die iranischen Behörden hätten bis zum 15. Juli 246 Hinrichtungen offiziell bestätigt.

http://www.spiegel.de/politik/ausland/iran-vollstreckte-700-todesurteile-in-erster-jahreshaelfte-a-1045048.html


Waiting for the smuggler-bird

Wir treffen den Regisseur von Zeit zu Zeit.

Er erzählt mir, er habe von einem Vogel geträumt, der sich auf seine Schulter gesetzt hat.

Ein Schmuggler-Vogel. (Wenn er „Smuggler Bird“ sagt, klingt es nach „Bart“ und ich stelle mir einen riesigen Mann mit einem Bart wie ein Wald vor, in dem man sich verstecken kann.)

Der Schmuggler-Vogel lädt ihn ein, mit ihm über alle Grenzen zu fliegen.

Wir warten auf den Schmuggler-Vogel.

Wir hören iranische Chansons und französische.

„No borders, no nations, just pizza!“

„Pizza“ wird später zu unserem Code für „Revolution“.

Wir warten nicht mehr auf den Vogel, wir warten auf Che, der zu unserem (nicht sehr konspirativen) Code für „Widerstandskämpfer“ wird.


FAZ:

Urlaub auf Samos oder Lesbos? Nein danke, sagen mittlerweile viele Menschen. Wegen der

Flüchtlingskrise stornieren sie sogar schon gebuchte Reisen auf griechische Inseln. Und die

dortige Tourismusbranche sorgt sich.

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/touristen-stornieren-urlaub-auf-griechischen-inseln-wegen-fluechtlingskrise-14094148.html

Nordküste bei Skala Sikaminias, Lesbos, Griechenland
Nordküste bei Skala Sikaminias, Lesbos, Griechenland, Januar 2016

Der Regisseur kommt zum Frühstück und bringt einen Freund mit.

Er ist Musiker. Wir reden über Bach und Mahler.

Wir gehen einkaufen und stolpern in einen viel zu teuren Laden.

Ich entschuldige mich und frage, wo man billige Kleidung bekommt.

Die Besitzerin ist nicht beleidigt, erkennt meine Akzent und wir reden auf Deutsch weiter.

Sie hat in Deutschland gelebt, ist zurück, um die Jahre bis zur Rente zu überbrücken mit ihrem kleinen Geschäft.

Wegen der Wirtschaftskrise und dem Zusammenbruchs des Tourismus im Zuge der „Flüchtlingskrise“ ist es Essig mit dem Geschäft und der Rente.

Die Frau schenkt dem Musiker einen Parker. Einfach so.

Meine Freunde fehlen mir, aber irgendwie virtuell.

„Zuhause“ ist etwas aus einer anderen Dimension.

Ich hätte sie gerne alle hier, nach Hause zu fliegen erscheint mir völlig surreal.


Am Strand

Ich lerne „Du bist sicher. Das ist Europa“ auf Arabisch und vergesse es sofort wieder.

Nur „Europa“ reicht auch.

Manchmal wissen sie nicht, wo sie sind. Manchmal fahren Boote los, verlieren die Orientierung, landen in der Türkei wieder an. Alle kennen diese Geschichten.

Leeres Flüchtlingsschlauchboot treibt auf dem Wasser, Südküst
Leeres Flüchtlingsschlauchboot treibt auf dem Wasser. Im Hintergrund eine Fähre, die auf dem Weg nach Mytilini ist, Südküste, Lesbos, Griechenland, Februar 2016

Wikipedia:

Die Hypothermie oder Unterkühlung ist ein Zustand nach Kälteeinwirkung auf den Körper

eines Lebewesens, das heißt die Wärmeproduktion war über längere Zeit geringer als die

Wärmeabgabe. Die Unterkühlung kann Gesundheitsschäden oder den Tod herbeiführen.

Bei nur lokalen Kälteeinwirkungen kommt es zu Erfrierungen. Bei Unfällen am Wasser oder

im Gebirge haben die Helfer in der Wasserrettung und dem Bergrettungsdienst immer auch

von einer Unterkühlung des Patienten auszugehen.
Etwas Sorgen bereitet mir, dass ich eine schleichende Sucht nach miesem, griechischen Techno entwickle.

Nach 381 Red Bull (die billige Variante) und 36 Stunden ohne Schlaf, ist der Bass alles, was mich noch zusammenhält.

Das und die Teams.

Die spanischen und griechischen Rettungsschwimmer sind unglaublich.

Spanische Rettungsschwimmer und Helferinnen auf Rettungswestenbe
Spanische Rettungsschwimmer und Helferinnen auf Rettungswestenberg, Südküste, Lesbos, Griechenland, Januar 2016

Ich fürchte, ich habe mich ein wenig in einen der Teamleader verguckt.

Professionell, ruhig, witzig, niemals kalt, oder zynisch.

Auch in einen professioneller See –  und Bergretter aus Spanien, der irgendwann in seinen nassen Klamotten vor Erschöpfung auf meinem Schoß einpennt, bis ich es merke und mein frisch erworbenes Wissen über Hypothermie anwenden kann.

ECRE:

NATO will provide support to ‘assist with the refugee and migrant crisis’ by deploying three warships in the Aegean Sea to target people-smuggling operations. The announcement followed a request from Germany, Greece and Turkey at a defence ministers‘ meeting in Brussels yesterday. A German-led patrol, backed by monitoring planes, will be tasked to ‘conduct reconnaissance, monitoring and surveillance of illegal crossings in the Aegean’, according to the alliance. It will also establish a direct link with the European Union’s border management agency, Frontex. “The goal is to participate in the international efforts to stem the illegal trafficking and illegal migration in the Aegean,” Secretary General Jens Stoltenberg said. The NATO Secretary General stressed that this mission is ‘not about stopping or pushing back refugee boats,’ but about contributing ‘critical information and surveillance to help counter human trafficking and criminal networks.’ As part of the agreement, NATO will cooperate closely with national coastguards and the EU.

http://ecre.org/component/content/article/70-weekly-bulletin-articles/1383-nato-deploys-warships-in-the-aegean-sea.html

 

Demos

Nachtschicht, dann „Save Passage“- Demo.

Wir alle gehen hin. Katja Beach ist der Ort, wo die meisten Menschen angekommen sind.

Weiter nördlich wäre viel besser, doch sie landen eben dort.

Wir bilden eine Kette. Alle tragen diese mörderischen „Rettungs“- Westen, die wir von den Stränden aufgesammelt haben.

Die Anführungsstriche sind der Tatsache geschuldet, dass die Westen Fake sind.

Mal mit Verpackungsmaterial gefüllt, mal mit Sägespänen. Sie saugen sich mit Wasser voll.

Gefälschte Rettungsweste, Flüchtlingsprojekt »Village of Allt
Gefälschte Rettungswesten werden zu Matrazen und Taschen verarbeitet, Flüchtlingsprojekt »Village of Alltogether/Pikpa«, Südküste, Lesbos, Griechenland, Januar 2016

Ohne wären die Leute besser dran…

Ich weiß nicht, ob Orange noch immer meine Lieblingsfarbe sein wird, nachdem ich die Dinger gesehen habe.

Die Ansprache wird auf Griechisch, Spanisch, Englisch, Deutsch, Niederländisch und Arabisch verlesen, ein Appell an die Staaten, das Ertrinken zu beenden und endlich für sichere Überfahrt zu sorgen.

Absurd, wie mir wenig später noch deutlicher werden soll.

Schweigeminute für die Toten.

Dann ist da eine Gitarre und es wird gesungen und getanzt.

In genau dem Moment hält mir der hübsche griechische Teamleader sein Handy unter die Nase.

Zuerst begreife ich nicht, was ich da sehe. Er erklärt es mir.

NATO-Einsatz. Zwei Push-Backs. Mindestens einer aus griechischen Gewässern.

Beweise: Nur dieses Foto. Genug für mich.

Ich starre ihn an. Er nickt nur, steigt in sein Auto und fährt.

Eigentlich wollten wir feiern. In der NBK ist ein Nachbarschaftsfest.

Wir fahren hin, aber mir ist nicht nach Party.

Ich trinke drei Bier, bin fertig und gehe nach Hause.

Auf dem Heimweg telefoniere ich mit einer Freundin in Deutschland. Zum ersten Mal.

Ich muss mit jemandem reden, der nicht hier ist, aber versteht.


Verlängerung

Ich kann nicht zurück. Es ist schlicht nicht möglich.

Keine Entscheidung, sondern einfach eine Reaktion auf die Lage.

Jobs müssen verteilt werden. Die Kollegen kümmern sich. Läuft!

Der Schwede nimmt den Hund noch länger – natürlich macht er das.

Meine Eltern sind mehr als einverstanden. Bieten Hilfe und Geld an.

Aus vier Wochen werden sieben. Einfach so.

Die Nächte am Strand werden zu einer wischen Abfolge von Sonnenauf- und Untergängen.

Wenn ich nicht am Strand, oder in der No Border Kitchen bin, wenn ich nicht verzweifelt versuche, einen Anwalt für unsere iranischen Freunde zu finden, bastel ich an einem Info-Flyer.

„How to welcome a Refuggee Boat?!“

Ein Freund in Deutschland hilft mir und das Ding ist am Ende richtig gut.

Beim Meeting sind alle nicht nur einverstanden, sondern begeistert.

FRONTEX erwischt mich dabei, wie ich Lichtsignale gebe.

„Wir werden Keinen verhaften, der versucht, Menschenleben zu retten“.

Ok. Danke. Ich hasse Euch trotzdem!


Wunder

Ich habe eine neue Volontärin dabei.

Wir sitzen im Auto und ich schwöre Stein und Bein, dass es keine Boote geben wird.

Langweilige Nacht im Auto, behauptete ich. Keine Chance.

Wer heute startet, kommt nicht an.

Die Meldung, ein Boot sei gesichtet worden, halte ich für Schwachsinn.

Wir fahren dennoch hin.

Kein Schwachsinn, ein Wunder.

Sie sind in gutem Wetter los. Mitten auf dem Wasser hat sie der Sturm erwischt.

Sie haben es dennoch geschafft. Irgendwie. Sind alle da?

Ist wirklich niemand über Bord gegangen? Sicher?

Niemand!

Alle nass, alle panisch, alle kalt, die Lage völlig chaotisch.

Kinder schreien, Familien müssen getrennt werden,

da wir die nassen Kinder in unsere Autos packen, um sie aufzuwärmen.

Es dauert ewig, bis der Bus kommt.

Ich bin fertig und lasse mir am nächsten Tag ein Tattoo stechen. Therapie irgendwie.

Ein stilisiertes Boot, das auf ein Flashlight zufährt.

Das passiert, wenn man sich zu sehr mit seiner Aufgabe identifiziert, denke ich.

Der Tätowierer erkennt das Symbol erst, während er es sticht und nimmt nur den halben Preis.

Am Campfire läuft es wirklich immer besser mit der Koordination,

aber wenn R. nicht da ist, kann ich nicht weg

und sehe manchmal kein einziges Boot aus der Nähe.

Ich schicke nur die Teams von A nach B. Frustrierend, wenn auch sinnvoll.

Darum bin ich auch in den anderen Nächten da. Dann kann ich selber die Menschen begrüßen.


Abschied

Ich habe Abschiede schon immer gehasst.

Hier tut es richtig weh.

Der Feuerwehrmann aus Spanien geht

und irgendwann plant auch eine schwedische Freundin die Abreise.

Sie will Robert adoptieren, einen wunderbaren Streuner und Schutzgeist von Katia Beach.

An meinem freien Tag fahre ich mit ihr und Robert herum.

Zum Tierarzt und ins Tierheim, wo Robert ein paar Tage bleiben soll, bis sie mit ihm nach Schweden fliegt.

Problemlos, die Papiere für einen Hund zu besorgen.

Ich wünschte, es wäre für Menschen auch so einfach.

Unsere Freunde wissen noch immer nicht, was sie tun sollen. Die Grenzen sind dicht.

Sie überlegen ernsthaft, einen Schmuggler zu bezahlen.

Ich sehe sie tot in einem LKW irgendwo in Osteuropa liegen und sage nichts dazu.

Sie entscheiden sich zu warten.

Die schwedische Freundin fliegt mit Robert und sie fehlen mir schrecklich, während wir weiter warten, ob sich nicht doch noch ein Schlupfloch für die Iraner auftut.

Nächte, Boote, Gesichter, Geschichten.

Mal mehr Ankünfte, mal weniger, mal keine.

Zeit Online:

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen hat sich besorgt über Berichte von Flüchtlingen geäußert, wonach sie auf dem Meer von maskierten und bewaffneten Männern angegriffen und teils auch ausgeraubt worden seien.

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2015-08/fluechtlinge-berichten-von-raubueberfaellen


Immer, wenn Du denkst, es geht nicht schlimmer…

Ein Boot kommt an. Sie haben lange gebraucht, sind aber eigentlich ok soweit.

Keine Schwerverletzten, keine Kranken. Wir haben die Lichter schon eine Weile gesehen, waren aber nicht beunruhigt. Die Kinder, die sonst am schnellsten wieder lachen, sind paralysiert. Meine Geheimwaffen gegen Tränen versagen.

Luftballons, Seifenblasen, kleine Gummitiere – nichts hilft. Ich blicke in erstarrte, kleine Gesichter.

Später erzählt mir ein Dolmetscher, die Menschen hätten von einem Überfall berichtet.

Ein kleines Boot sei an ihres herangefahren.

Drei Männer mit Sturmmaske und Maschinengewehren. Man hätte sie bedroht.

Schließlich habe sich einer der Männer aus Versehen in den Fuß geschossen und das Boot hätte abgedreht.

Ich gehe davon aus, es sei auf türkischer Seite passiert. Ein Raubüberfall. Piraten.

Am nächsten Morgen denke ich länger über die Lichter nach, die ich in der Nacht gesehen habe.

Die Lichter des Bootes, andere Lichter, die näher kamen (wir dachten, es sei unser Rettungsboot),

dann Lichter, die sich entfernt haben und wieder Lichter, die bei dem Boot blieben ( eben das Rettungsboot ).

Ich begreife, dass es in griechischen Gewässern passiert sein muss, sonst hätten wir die Lichter nicht gesehen.

Ich recherchiere und stelle fest, dass die griechische Rechte schon mehrfach Refugee-Boote bedroht hat, um sie zum Umdrehen zu nötigen.

In einem Fall haben sie ein Boot zerlegt.

Zum Glück gab es keine Toten.

Ich baue Mist- fast. Ich sehe ein Boot, schwöre, es sei leer, weil es so flach wirkt, schicke niemanden hin. Irgendwann schaue ich noch einmal, nur aus Neugierde.

Da sind orangene Punkte. Menschen. Scheiße! Ich schicke die Teams los, fahre selbst hin.

Das Boot kommt an und ich sehe, warum ich den Fehler gemacht habe.

Es ist so vollgelaufen, dass es bis auf zwanzig Zentimeter im Wasser liegt.

Darum wirkte es so flach. Alle sind nass, aber gesund.

Meine Hände zittern noch zwei Stunden später.
kommt es schlimmer

Dann eine Nacht mit vielen Booten.

Die ersten Arrivals sind ok soweit, doch wir hören von einem Boot in schlimmen Schwierigkeiten – noch ewig weit draußen.

Die Küstenwache haben sie selbst alarmiert. Das bedeutet, es muss schlimm sein.

Ein Team am Strand hat Kontakt, bittet dringend um Hilfe für das Boot.

Sie schicken Sprachnachrichten. Ich kann kein Arabisch, aber es klingt schrecklich.

Ich hoffe so sehr, dass die Menschen einfach nur schreckliche Angst haben, es aber doch noch irgendwie gut gehen wird.

Irgendwann sind sie nah genug und eines unserer Rettungsboote kann zu Ihnen.

Die Dinger sind winzig. Sie können nichts weiter tun, als den Weg zu sicheren Anlandestellen zu zeigen. Sie informieren uns, dass jemand stirbt.

Es ist noch immer ein guter Kilometer. Ich schicke alle Teams los.

Zum Glück tauchen die Ärzte auf, kurz bevor das Boot ankommt.

Sie begreifen den Ernst der Lage erst, als ich sie fast anschreie.

Ich muss warten – da war noch ein anderes Licht. Möglicherweise ein weiteres Boot.

Es ist nichts, also fahre ich auch hin. Das Boot ist da. Alle Menschen sind inzwischen am Strand.

Zwei Menschen werden reanimiert. Ein Mann kommt kurz wieder zu sich, stirbt dann aber auf den Weg ins Krankenhaus. Der andere stirbt noch am Strand.

Seine Kinder stehen daneben. Zum Glück hält irgendwer eine Decke hoch.

Ich bin nur kurz da, weil ein weiteres Boot ein paar Kilometer weiter anlandet.

Dort sind wenig Helfer, trotzdem geht es gut.

Wir treffen uns wieder am Campfire.

Die Helfer, die bei dem Boot mit den zwei Toten waren, sind fertig.

Einer weint, einige starren nur auf das Wasser. Wir hätten nicht mehr tun können.

Die jungen Männer wurden erdrückt und ihre Herzen haben aufgegeben.


T-Online:

Die Bundespolizei warnt laut „Welt“ zudem vor einer Eskalation in den wachsenden Flüchtlingslagern in Griechenland: „Ohne die zeitnahe Rückführung nicht schutzberechtigter Personen werden durch das Verbringen und Festhalten von Migranten in Aufnahme- oder Rückführungseinrichtungen gewaltsame Ausschreitungen voraussichtlich weiter zunehmen.“ Damit bestätigt der Bericht die Befürchtungen der griechischen Behörden sowie mehrerer Hilfsorganisationen vor Ort.

http://www.t-online.de/nachrichten/ausland/eu/id_77479506/bundespolizei-tuerkei-deal-schreckt-fluechtlinge-nicht-ab.html


Angst

Demo in BDFM. Die Pakistani halten Schilder, skandieren Sätze, die mir das Herz brechen.

„Wake up Europe“, „Thank you volunteers“, „We are humans“.

Wo ist die Presse?

Vermutlich am Strand, auf der Jagd nach Bildern von süßen Kindern und dramatischen Momenten.

Ich weise die Volontäre von BDFM darauf hin, besser das Benzin für die Generatoren zu verstecken.

Am nächsten Tag versucht ein Mensch in Idomeni, sich in Brand zu setzen.

Eine alte Dame, die nichts, außer einer Tüte mit Süßigkeiten dabei hat, schenkt mir Bonbons.

Sie hat von ihrer Familie gehört, dass Helfer am Strand sein werden, um die Boote sicher anzunehmen. Sie wollte nicht mit leeren Händen kommen.


Südwest Presse:

„Ich hege keine großen Hoffnungen, dass das Drama der Flüchtlinge bald enden könnte“, zitierte das Staatsfernsehen (ERT) die UN-Sonderbotschafterin für Flüchtlinge. Sie kündigte an, sie werde im Sommer die Insel mit ihren Kindern besuchen. Die Insel Lesbos, für viele Flüchtlinge aus der Türkei die erste Etappe auf dem Weg nach Mitteleuropa, ist der dritte Stopp der Reise Jolies in Griechenland. Am Vortag hatte sie Flüchtlinge und Migranten im Hafen von Piräus und in einem Athener Lager besucht und sich auch mit dem griechischen Regierungschef Alexis Tsipas getroffen.

http://www.swp.de/ulm/nachrichten/vermischtes/Angelina-Jolie-fuerchtet-Fluechtlingsdrama-wird-dauern;art1157856,3739817

Angelina Jolie besucht die Insel.

In Moria wird der Stacheldraht entfernt und am nächsten Tag wieder aufgebaut.

Flüchtlingsregistrierungsstelle Moria (Hotspot), Lesbos, Griech
Flüchtlingsregistrierungsstelle Moria (Hotspot), Lesbos, Griechenland, Januar 2016 Flüchtlinge warten auf ihre Registrierung vor dem Eingang der Registrierungsstelle

Zeit Online:

Mindestens 10.000 unbegleitete Flüchtlinge unter 18 Jahren sind nach Schätzung von Europol in Europa verschwunden. Tausende seien in europäischen Staaten registriert worden, doch dann habe sich ihre Spur verloren, sagte Brian Donald dem Observer. Der Stabschef der EU-Polizeibehörde warnte, einige könnten in die Hände von Kriminellen gelangt sein.

„Nicht alle werden kriminell ausgenutzt, manche könnten inzwischen in der Obhut von Familienmitgliedern sein“, sagte Donald. „Aber wir wissen einfach nicht, wo sie sind, was sie tun oder bei wem sie sind.“ Allein in Italien seien 5.000 Minderjährige  verschwunden, 1.000 in Schweden.

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-01/fluechtlingskrise-minderjaehrige-fluechtlinge-europa-europol-verschwunden

Ich werde das erste und einzige Mal richtig aggressiv. Der Fotograf ist nicht der Erste, den ich wirklich zum Kotzen finde.

Krasse Bilder um jeden Preis, selbst wenn man den Rettungskräften im Weg steht.

Noch beleidigt, wenn man sie anrempelt, weil man grade zwei Kinder auf dem Arm hat

und dringend zu den Ärzten muss.

Dieser ist eine neue Liga von überflüssig.

Ein kleines Mädchen ist nass bis zum Hals.

Eine Helferin hat eine zu kleine Hose zum Wechseln geholt und die Kleine steht unten ohne da.

Ich will ihr eben eine Decke umlegen, drehe mich um und sehe den Reporter, wie er mit der Kamera direkt auf ihre Beine zielt.

Es geht mit mir durch. Ich hoffe, es hat seine Kamera erwischt.

EU-Türkei-Deal

Alles ist anders. Moria wird wieder zu dem, was es mal war: Ein Gefängnis. Ein Internierungslager.

BDFM wird geräumt.

Eigentlich muss nicht geräumt werden – die Menschen gehen freiwillig.

Vierhundert junge Männer stimmen ab und entscheiden, ohne Widerstand ins Gefängnis zu gehen. Aus Respekt vor den Helfern und um andere Refugees zu schützen.

Ich denke daran, dass in Deutschland bestimmt in dieser Sekunde irgendein Arschloch behauptet, diese Menschen seien nicht demokratiefähig.

Ich könnte kotzen.

Die Welt:

Am Tag drei des Flüchtlingspakts offenbaren sich die massiven Schwierigkeiten des mit heißer Nadel gestrickten Abkommens zwischen der EU und der Türkei. Die griechischen Behörden setzen zwar alles daran, die in Brüssel getroffenen Vereinbarungen umzusetzen – doch gerade deshalb hagelt es nun Kritik von internationalen Hilfsorganisationen.

Um die Migranten gemäß dem Deal durch ein Asyl-Schnellverfahren zu schleusen und in die Türkei zurückschicken zu können, werden Neuankömmlinge auf den griechischen Inseln seit Sonntag de facto in den Flüchtlingslagern vor Ort interniert.

http://www.welt.de/politik/ausland/article153577257/Fluechtlinge-werden-auf-Lesbos-weggesperrt.html


Verzweifelt

Demo vor Moria, Demo in Moria. Menschen hinter Zäunen.

Menschen, die wir kennen, die für einige der Helfer zu guten Freunden geworden sind.

Menschen, nach Nationalitäten sortiert.

Grauenhafte Assoziationen drängen sich auf.

Ich weiß, dass man den Vergleich nicht ziehen darf, dass dies kein Vernichtungslager ist, weiß… Scheiß drauf.

Ich weiß nun, wie DAS denn nur geschehen konnte.

Indem es einfach geschieht und keiner etwas dagegen tut.

Nicht genug Ärzte, Essen, Wasser. Nur NATO-Draht gibt es genug.

Flüchtlingsregistrierungsstelle Moria (Hotspot), Lesbos, Griech
Flüchtlingsregistrierungsstelle Moria (Hotspot), Lesbos, Griechenland, Januar 2016

Der scheint der Welt nie auszugehen, dafür scheint es immer Geld zu geben, während es im Gefängnis keine Babynahrung mehr gibt.


MSF:

Das Team werde noch im Laufe des Tages aus dem Lager abziehen, sagt der Vertreter der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen am Dienstag. 

„Dort drin sind Frauen, Kinder, ganze Familien eingesperrt. Ihnen werden Baracken zugewiesen, die sie anschließend nicht mehr verlassen dürfen.“

http://www.welt.de/politik/ausland/article153577257/Fluechtlinge-werden-auf-Lesbos-weggesperrt.html

Die UNHCR stellt den Betrieb der Busse ein.

UNHCR-Logo auf Flüchtlingsbus
UNHCR-Logo auf Flüchtlingsbus, der auf Lesbos eingestzt wurde, um Flüchtlinge vom Strand in die Registrierungsstelle (»Hot Spot«) nach Morai zu bringen. Lesbos, Griechen land, Januar 2016

Sie wollen keine Menschen in ein Internierungslager fahren. Ich finde die Entscheidung richtig.

So wenig begeistert ich von der Arbeit der UNHCR bisher war, so richtig finde ich diesen Beschluss.

Komischerweise habe ich von nun an das Gefühl, die Mitarbeiter seinen wirklich auf unserer Seite.

Am Strand bedeutet es allerdings, dass wir nicht mehr fünf, sondern nur noch zwei Busse zur Verfügung haben.

Wenn mehr als drei Boote ankommen, werden die Menschen ewig warten müssen.

Wir suchen verzweifelt nach Möglichkeiten, die Menschen warm zu halten und finden keine.

Deal hin, Deal her – es kommen weiter Boote an. Menschen stolpern an den Strand, fragen, ob sie nun zurück in die Türkei müssen.

Sie kennen die Antwort, kannten sie, bevor sie sich auf den Weg gemacht haben.

Sie versuchen es dennoch.

Sie werden es weiter versuchen.

Ich bringe den Satz „You are save“ nicht mehr über die Lippen.

Wir diskutieren, ob man den Menschen sagen soll, dass sie nicht in die Busse der Küstenwache steigen, dass sie laufen sollen, falls genug Zeit ist – laufen…nur wohin? Verdammte Insel!

Ein Boot mit siebzig Menschen kommt an.

Ich hätte es nicht geglaubt, wenn ich es nicht gesehen hätte. Vierzig Erwachsene, dreißig Kinder.

Es ist nicht größer, als die anderen Schlauchboote. Ich kann es nicht glauben

und frage mich nicht zum ersten Mal, ob ein Raumschiff sie an Bord gebeamt und im Hafen wieder abgesetzt hat.
Spiegel:

Schleuser ködern deshalb in den sozialen Netzwerken mit neuen Routen.

„Wir bieten Bootsfahrten von der Türkei nach Italien für 6000 Dollar pro Person“, wirbt ein Schmuggler in der Türkei. Ein anderer bietet Bootsfahrten vom türkischen Mersin nach Italien ab 4500 Euro an.

http://www.spiegel.de/politik/ausland/fluechtlinge-schmuggler-werben-mit-neuen-angeboten-a-1085476.html

Der neue Plan der Schmuggler sieht vor, bis zu zweihundert Menschen auf ein Boot zu zwängen.

Die kleinen Kutter, oder Handelsschiffe sollen direkt von der Türkei nach Italien fahren.

Die Menschen müssen unter Deck ausharren, mindestens, bis man internationale Gewässer erreicht hat. Zu wenig Luft, Wasser, Platz. Es muss die Hölle sein.


Abschied, diesmal meiner

Meine letzten Nächte am Strand, meine letzten Tage mit unseren iranischen Freunden

Endlich finde ich einen Anwalt. Ich treffe ihn auf der Straße und zwinge ihn, mit mir zu reden. Jetzt!

Nicht morgen, nicht am Telefon, nicht in seinem Büro, sondern JETZT!

Der Mann hat keine Wahl und verspricht mir, uns zu helfen.

Er will helfen, aber das Asyl-Büro ist geschlossen. Sie können ihren Antrag nicht stellen.

Abschied vom Team, von unseren Freunden. Ein letztes gemeinsames Essen.

An diesem Abend verabschiede ich mich von Menschen, von denen ich nicht weiß,

ob ich sie jemals wieder sehe. Schlimmer – bei denen ich es stark bezweifele.

Wenn sie zurück müssen, sind sie tot, oder schlimmer.

Ausnahmsweise weine ich nicht. Ich gehe einfach.

Eine letzte Nacht am Strand. Kein Boot kommt an. Der Sturm, auf den ich gehofft hatte, um mein verdammtes Flugzeug am Starten zu hindern, bleibt auch aus.

Normalerweise habe ich zu viel Angst, um beim Start aus dem Fenster zu sehen.

Heute nicht. Ich starre aus dem Fenster und aufs Wasser. Ich suche nach Booten.

Yacht als »Flüchtlingstransporter, Hafen Mytilini, Lesbos, Gri
Yacht in der Flüchtlinge aus der Türkei nach Griechenland transportiert wurden und die im Hafen von Mytilini festliegt, Lesbos, Griechenland, Februar 2016