Melina (Oktober-Dezember 2016)

Der Berg

Ich sitze am Rand des Berges – eines riesigen Berges aus zerschnittenen Schlauchbooten und Rettungswesten. Dazwischen Jacken, Schuhe, Schwimmflügel.

Was mag die Mutter gedacht haben, als sie ihr kleines Mädchen in die rosa Prinzessinnen-Schwimmhilfe gesteckt und in ein Schlauchboot gesetzt hat, um das „sichere“ Europa zu erreichen?

Wie verzweifelt müssen die Eltern gewesen sein, deren kleiner Junge die grünen Schwimmflügel mit dem lachenden Delfin trug, um nicht im Mittelmeer zu ertrinken?

Ich glaube, ab heute muss ich jedem Menschen, der versucht mir klar zu machen, dass viele Flüchtlinge ja keine „richtigen“ Flüchtlinge seien, vor die Füße kotzen.

In jeder einzelnen dieser verdammten Rettungswesten steckte ein Mensch. Ein Mensch, der dort, wo er vorher gelebt hat, kein Überleben mehr gesehen hat. Dessen einzige Hoffnung die Flucht nach Europa war.

Langsam sickert das wahre Ausmaß der Katastrophe, die sich hier ereignet hat und auch weiterhin ereignet, in mein Bewusstsein. Der Berg war vor ein paar Monaten noch größer als jetzt, wird uns erzählt. Er sei schon ordentlich geschrumpft. Es sollte diesen Berg nicht geben!

Unwillkürlich muss ich an die Bilder von Bergen persönlicher Gegenstände in den KZs denken. Aber ich sitze gerade weder im Geschichtsunterricht, noch kann ich mich innerlich damit beruhigen, dass das ja alles Vergangenheit und lange her ist… Im Gegenteil: Europa schreibt Geschichte, wir schreiben Geschichte, hier und jetzt! 

Nie war ich mir dessen bewusster. Und nie war ich mir bewusster, dass ich kein Teil dieser Geschichte sein möchte. Kein Teil der Festung Europa.

Das hier sollte keine Müllhalde sein. Es sollte ein verdammtes Mahnmal sein, das uns daran erinnert, wann und wo unsere ach so verwurzelt geglaubte Menschlichkeit verloren ging.

© Melina 2016
© Melina 2016
© Melina 2016
© Melina 2016

Der Brand

Moria: Hier leben eingepfercht hinter Stacheldrahtzaun ca. 2.500 – 3.000 Menschen, größtenteils in winzigen Zelten unter Planen. Männer, Frauen, Familien, Schwangere, Senioren… alle, die nicht das Glück hatten als verletzlicher Fall eingestuft und in einem der anderen Camps untergebracht zu werden. 2 Stunden lang sind meine Arbeitskollegin und ich durchs Camp gelaufen – Social Shift nennt sich das. Wir gehen herum, unterhalten uns mit allen, die unseren Weg kreuzen und den Eindruck machen, sie wären an einem Pläuschen interessiert. Hört sich banal an, funktioniert aber wunderbar. Es tut den Menschen gut, von ihrem Vorher-Leben zu erzählen, gemeinsam ein bisschen auf Moria zu schimpfen, Träume zu teilen und zu lachen. Wir sind eine kurze Ablenkung in einem ansonsten recht grauen Alltag.

Camp Moria, Lesvos, Greece, 1. December 2016
Camp Moria, Lesvos, Greece, Dezember 2016

22:05, Schichtende. Wir stehen vor dem Container, in dem unsere 3 Kollegen aus dem Ärzteteam arbeiten, und überlegen gerade, wer wann mit welchem Auto zurück nach Mytilene fahren wird.

Auf einmal flackert das Zeltmeer keine 100m links von uns auf, Menschen schreien, es brennt! Andere Leute haben wohl eine kleine Explosion gehört, aber daran kann ich mich gar nicht erinnern. Rasend schnell greifen die Flammen um sich, wie Papier fangen die Wände weiterer Zelte Feuer. Nach einer kurzen Schocksekunde schaffen wir es gerade noch zu besprechen, dass wir zusammen bleiben und aufeinander achten müssen.

Dann bricht das Chaos los: ein riesiger Pulk Menschen bringt ein halb im Schlafsack eingewickeltes Kind – es muss in einem der Zelte, die als erstes Feuer gefangen haben, geschlafen haben. Starke Verbrennungen sind am Rücken sichtbar. Kurz darauf wird eine ebenfalls stark verbrannte Frau hergetragen – die Mutter? Alle schreien, weinen, Panik liegt in der Luft, die Zelte brennen immer noch.

Ich versuche den Rettungswagen zu alarmieren, werde aus der Leitung geschmissen, der 2. Anlauf gelingt zum Glück. Und nein, wir brauchen nicht 1 Rettungswagen, wir brauchen so viele wie möglich! Das sind 2 laut Aussage der Frau am Telefon…

Die nächsten Minuten sind wie ein Rausch. Wasser, wir brauchen Wasser!!! Das funktioniert! Ich weiß zwar nicht wo es her kommt, aber es kommt schnell. In der Zwischenzeit rastet ein Mann in der Ärztekabine mit der verletzten Frau total aus und zerlegt das komplette Interieur. Unsere Dolmetscher werden zu Bodyguards und versuchen, die panischen Menschen etwas zurück zu drängen, damit die Ärzte ihre Arbeit machen können. Auf dem Boden sitzt ein Mann, der schreit, weint und sich windet. Seine Freunde halten ihn fest und versuchen ihn zu beruhigen – der Ehemann?

Wir beschließen zum Eingang zu rennen, um den Rettungswagen zur Kabine zu lotsen. Alle anderen NGOs verlassen fluchtartig das Camp. Der Rettungswagen ist ausnahmsweise recht schnell da, aber weigert sich ins Camp rein zu fahren. What the Fuck!?! Wir rennen zurück zur Kabine, um den Anderen Bescheid zu geben, dass sie die Verletzten raus tragen müssen.

Auf  halbem Weg kommt uns eine Masse von ca. 100 aufgebrachten, brüllenden Menschen entgegengerannt. Über ihren Köpfen eine Bahre mit Decke, darunter ein Mensch. Irgendwo dazwischen rennt der Arzt mit dem verletzten Kind-Schlafsack-Bündel im Arm. Bilder wie aus einem Katastrophenfilm… Am Rettungswagen Tumult, war wohl doch gut, dass er nicht rein gefahren ist. Mit Blaulicht fährt er los, der Nächste steht schon bereit.

Und dann? Wohin mit der Wut, der Trauer, der Angst – dieser unglaublichen Frustration darüber seit Monaten in diesem Camp zu vegetieren??? Steine fliegen, Müllcontainer werden durch die Gegend geschubst. Dann greift die komplett vermummte Riot-Police ein. Es knallt! Mit Tränengasgranaten drängen sie die Menschen zurück ins Camp. Überall Rauch.

Unglücklicherweise kriegen wir auch ein paar kleinere Steine ab – völlig absurde Situation – ich kann den Leuten, die sie werfen, nicht böse sein. Ich würde in ihrer Situation wahrscheinlich das Gleiche tun. Wir suchen Schutz hinter einem Container und warten auf eine günstige Situation das Camp zu verlassen. Draußen treffen wir den Rest vom Team wieder, es geht allen den Umständen entsprechend gut.

Es war schlimm für mich, die Polizei mit Tränengasgranaten schießen zu hören und zu sehen – wie muss es da erst jemandem gehen, der einen Krieg und den Tod geliebter Menschen im Gepäck hat? Viele der Geflüchteten haben mit Panikattacken zu kämpfen, werden ohnmächtig. Ich bin so froh, dass unser Ärzteteam da ist! Scharenweise verlassen die Menschen das Camp, ihre Kinder auf dem Arm, die wichtigsten Habseligkeiten auf dem Rücken – wieder auf der Flucht…

Es brennt mittlerweile an mehreren Stellen. Gerüchte darüber, dass jetzt ganz Moria dem Erdboden gleich gemacht werden soll, machen die Runde. Ich denke unwillkürlich, dass es eigentlich ganz gut wäre, diesen Un-Ort verschwinden zu lassen. Wir sind in sicherer Entfernung zum Camp, sehen den Himmel rot glühen, der Geruch von verbranntem Plastik hängt in der Luft.

After the Fire, Camp Moria, 25/11/2016
After the Fire, Camp Moria, 25/11/2016

Die neueren Brandherde sind recht schnell gelöscht, viele Rettungswägen vor Ort. Wir fahren zurück nach Mytilene. Andere NGOs beginnen Decken zu verteilen. Es ist eine kalte Nacht.

Mittlerweile ist klar, dass bei dem Brand ein kleines Kind und eine ältere Frau ums Leben gekommen sind. Ich weiß nicht, ob es das Kind war, das zu uns gebracht wurde, um dessen Leben meine Arbeitskollegen gekämpft haben. Die Frau, die ebenfalls zu uns gebracht wurde, ist noch in der gleichen Nacht in eine Spezialklinik nach Athen geflogen worden. Dort ist sie gestern gestorben.

Der Gedanke, wie bitter es ist, dass die 3 es aller Umstände zum Trotz lebend bis ins „sichere“ Europa geschafft haben, und dann hier in einem Flüchtlingscamp gestorben sind, haftet sich in meinem Kopf fest.

Das Feuer am Donnerstag war noch ein relativ kleines Feuer. Beim letzten Großen im September sind 60% des Camps verbrannt. Moria hat genau 2 Ausgänge.

Neulich in Moria

„Where you from?“

„Arrive when?“

„How long you stay?“

„Moria big problem. Moria no good!“

„Yes, Moria very, very big Problem!“

Die üblichen Alltags- und Begrüßungsfloskeln sind schnell erfasst. Von beiden Seiten – Freiwilligen und Geflüchteten. Der Austausch funktioniert wunderbar! Notfalls auch mit Händen und Füßen. Fast wie ein sich immer wiederholendes Theaterstück. Eine neue Sprache ist entstanden: Refugenglish. Sprechen tausende von Menschen auf Lesvos und jetzt auch ich fließend.

Nach dem Austausch der Standardfloskeln wird es dann manchmal schwierig. Ich weiß nicht immer worüber ich mit den Menschen reden kann. Angesichts des so offensichtlichen Missstandes fällt Smalltalk noch viel schwerer, als er mir sowieso schon fällt.

Fragen zur Familie? Das kann derbe nach hinten losgehen! Viele haben auf der Flucht oder vorher schon Angehörige verloren. Oder Angehörige in ihren Herkunftsländern zurücklassen müssen, um deren Überleben sie jetzt bangen. Andere freuen sich total über Nachfragen, zücken augenblicklich ihre Handys und lassen einen erst wieder gehen, wenn man in aller Ausführlichkeit Kinder, Enkelkinder und Partner_innen bewundert hat.

Fragen zur Flucht? Völlig ausgeschlossen! Sie könnten zu Retraumatisierung oder Flashbacks führen. Und wir können nichts, aber auch gar nichts tun oder auffangen. Manchmal fangen die Menschen von alleine an von ihrer Flucht zu erzählen. Von den Soldaten, die an der türkisch-syrischen Grenze auf Flüchtlinge schießen, von der Überfahrt nach Lesvos, von der Angst erwischt zu werden, von der Sorge um die, die geblieben sind. Ein irakischer Vater von drei zuckersüßen kleinen Kindern erzählt, dass das Schlauchboot, in dem er und seine Familie saßen, 6 Mal von der Küstenwache zurück in türkische Gewässer gedrängt wurde, bevor es im 7. Anlauf endlich gelang Lesvos zu erreichen. Was soll ich ihm antworten?

„Ich kann mir vorstellen, dass das sehr schlimm gewesen sein muss…“

Nein – Gelogen! Ich kann es mir nicht vorstellen, nicht mal annähernd. Weil ich nämlich wohlbehütet in Europa aufgewachsen bin und bisher in keiner auch nur annähernd vergleichbaren Situation gesteckt habe. Und wohl auch so bald nicht stecken werde.

Was immer geht, ist gemeinsam ein bisschen über Moria zu schimpfen: „Food no good my friend. Moria very bad. Big problem. Always fight. Moria dangerous.“ Ja, ich weiß … und du hast Recht! Und es gibt nichts, was ich tun kann.

Wir reden mit einer Gruppe junger Männer aus verschiedenen afrikanischen Ländern. Fragen zur Zukunft gehen immer. Wo würdest du leben, wenn du es dir aussuchen könntest? Als was würdest du arbeiten? Wovon träumst du? Wie machst du das, das hier zu überstehen? Einer der Männer sagt, dass er irgendwann, wenn er es geschafft hat sich ein gutes Leben aufzubauen, noch mal nach Moria zurückkommen möchte. Als Tourist. Wir fangen an herum zu fantasieren: „Stellt euch vor, in ein paar Jahren gibt es das hier alles nicht mehr. Alle Zäune sind kaputt und überall wuchert dichter Urwald. Ihr bräuchtet dann eine Machete um euch überhaupt einen Weg bahnen zu können. Und die Forscher der Zukunft würden sich fragen, was das hier wohl mal war…“ Ein zufriedenes Lächeln zeichnet sich auf allen Mündern ab, Blicke schweifen in die Ferne.

„You Almanya?!? Ohh, Almanya very good! Mama Merkel. Me Almanya!“

Man mag ja von Merkels Politik halten was man will. Aber Eines hat sie – ob gewollt oder nicht – definitiv erreicht: sie hat den Menschen Hoffnung und das Gefühl, irgendwo auf dieser Welt gewollt zu sein. gegeben. Mir wird erst hier bewusst wie stark und wichtig das war. Trotzdem kann ich die ungetrübte Begeisterung über Deutschland nicht ganz teilen. Nein, Deutschland ist nicht das Land, in dem Milch und Honig fließen. Hier gibt es auch Probleme. Aber Menschen müssen nicht in Zelten schlafen? Ja, das stimmt wohl…

„You. Me. Germany!“

Nein, ich kann dich leider nicht mit nach Deutschland nehmen. Obwohl… Warte!

Hosen- oder Jackentasche aufmachen + Hand in der Tasche verschwinden lassen + lachen = Ok, du kannst in meiner Tasche mitkommen!

Diese Antwort funktioniert wieder und wieder, lässt alle lachen. Und nimmt das Frustrationspotential, das die Frage ihrerseits und auch meinerseits bietet. Wenn die Menschen wüssten, wie gerne ich jede(n) Einzelne(n) von ihnen mitnehmen und ihnen die Chance auf ein besseres Leben, die sie verdient haben, bieten würde.

„Wie stellt ihr (Europäer) euch das vor? Wir leben hier wie die Tiere!“

„Warum macht ihr das?“

„Wie findest du Moria?“

„It´s a shame. It is a shame that something like that is happening. It makes me very, very sad to see it.“

Oder auch:

„Sorry, it is not my fault. I am not the president. If I was the president: Moria close! All come!“

Je nachdem ob gerade eher Anteilnahme oder Entschärfung gefragt ist.

Und trotzdem ist die Grundstimmung in den Camps erstaunlich positiv, hoffnungsvoll, herzlich, manchmal sogar ausgelassen. Jede(r) tut, was er/sie kann. Reißt sich zusammen, macht weiter. Wenn auch auf Sparflamme.

Social Shift heißt, in den Abendstunden in Zweierteams durch´s Camp zu laufen und mit allen, denen man begegnet und die interessiert wirken, ein bisschen zu plauschen. „Wie soll denn das gehen?“, habe ich am Anfang noch gedacht. Aber so einfach das Konzept ist, so gut hat es funktioniert. Die Social Shift in Moria ist eine der Aufgaben, die ich am liebsten übernommen habe. Die 2 Stunden vergingen regelmäßig wie im Flug und man konnte hinterher fast immer mit dem wohligen Gefühl etwas Gutes bewirkt zu haben, nach Hause fahren.

Der neue Alltag

Es ist Ruhe eingekehrt auf Lesvos – zumindest auf den ersten Blick. Die Bilder der völlig überfüllten Schlauchboote, mit denen täglich hunderte oder tausende auf ein besseres Leben Hoffende an Lesvos´ Küste strandeten, gehören vorerst der Vergangenheit an. Die Dinge gehen ihren Lauf, gaukeln Normalität vor. Die humanitäre Krise offenbart sich erst auf den zweiten Blick. Und auch all die großen und kleinen Widersprüche, die das Leben und Arbeiten auf Lesvos prägen, offenbaren sich langsam. Stück für Stück.

Seit dem Türkei-Deal ist die Zahl der registrierten Ankünfte stark zurückgegangen. Andere, teilweise noch viel gefährlichere Fluchtwege gewinnen wieder an Bedeutung. Gleichzeitig ist allen bewusst, dass sich die Situation von einen auf den anderen Tag wieder ändern kann. Spannung liegt in der Luft.

Gehen oder bleiben? Viele NGOs sind schon gegangen, andere sitzen auf gepackten Koffern. Es ist schwierig geworden Spendengelder für Lesvos zu sammeln. Die Insel verschwindet aus dem Bewusstsein des allgemeinen Interesses.

Ich habe also in meiner Zeit auf Lesvos weder ankommende Boote gespottet, noch am Strand Menschen in Empfang genommen, noch trockene Kleidung und heißen Tee verteilt, noch die direkte Erleichterung, diese Bootsfahrt überlebt zu haben, erlebt. Eigentlich kann ich mir kaum vorstellen, wie die Situation hier noch vor ein paar Monaten war. Selbst wenn ich die Bilder sehe und mit Menschen rede, die diesen Wahnsinn miterlebt haben. Ich kriege es nicht in meinen Kopf. Er weigert sich, das ganze Ausmaß zu erfassen. Das ist vielleicht auch gut so … The Show must go on! Für zwei Monate mit mir als klitzekleinem Teilchen irgendwo in dieser riesigen Maschinerie. Es fällt mir schwer über das, was ich vorgefunden habe, hinaus zu denken, Zusammenhänge zu verstehen. Mir fehlt der Weitblick. Das war am Anfang. Mittlerweile hat mein Kopf das ganze Ausmaß begriffen. Zumindest dessen, was ich miterlebt und gesehen habe. Es macht mich sprachlos. Hilflos. Wütend!

Manchmal ärgere ich mich über die Menschen, mit denen ich arbeite. Über die Kinder, die unsere Kabine mit Steinen bombardieren. Über die Mutter, die ihr kleines Kind unbeaufsichtigt durchs Camp laufen lässt. Über den Mann, der eine laufende Nase hat und sich deshalb zum Arzt vordrängeln will, während sich neben ihm jemand vor Schmerzen krümmt. Dann zwinge ich mich mir vorzustellen, dass jeder einzelne dieser Menschen – egal ob alt oder jung – in einem dieser Boote saß und ernsthaft um sein Leben bangen musste. Das war auch am Anfang.

Je länger ich hier bin, desto seltener werde ich auf die Menschen wütend. Mittlerweile treibt mich eher die Gesamtsituation zur Weißglut. Wie kann es sein, dass hier ein gesamteuropäisches Problem auf dem Rücken einer kleinen Insel ausgetragen wird? Auf dem Rücken derer, die unseren Schutz bräuchten? Und das ganze Chaos zwischen den NGOs. Und in den NGOs. Gut, dass Volunteers for Lesvos nicht auch noch in die Camps geht, sondern an anderer Stelle unterstützt. Gut, dass ich so tolle Mitbewohner_innen habe, mit denen mein Weitblick wächst und wächst. Und auch der Nahblick.

Auf Lesvos sitzen nicht nur die NGOs auf gepackten Koffern. Vor allem sitzen die Geflüchteten auf gepackten Koffern. Im wahrsten Sinne des Wortes. Nein, eigentlich sitzen sie nicht, sie leben aus gepackten Koffern. Denn das Leben geht irgendwie weiter. Und wie sieht er aus, dieser neue Alltag?

Das lässt sich gar nicht pauschal beantworten, stelle ich fest, noch während ich die Frage notiere.

Denn wer soll das denn eigentlich sein, die „Flüchtlinge“? Hier kommen so viele unterschiedliche Menschen mit so vielen unterschiedlichen Geschichten, Einstellungen und Hintergründen zusammen. Reicht der Minimalkonsens, dass sie alle die Erfahrung gemacht haben, ihre Heimat verlassen zu müssen oder wollen, um aus ihnen eine scheinbar homogene Gruppe zu konstruieren? Eigentlich nicht… Aber egal! Diese Diskussion gehört wohl an eine andere Stelle.

Also, der neue Alltag: Was tatsächlich allen gemeinsam ist, ist der Zustand des Transits. Niemand möchte auf Lesvos bleiben. Die Insel ist eine Etappe von vielen auf dem Weg nach … Ja, wohin denn eigentlich? Sagen wir Europa. Das trifft auf die Meisten zu, mit denen ich geredet habe. Die Menschen stecken also auf Lesvos fest. Und das nicht seit ein paar Tagen oder Wochen, sondern seit Monaten. Aus dem Transit wurde ein Sumpf. Es wird gewartet. Und gewartet. Und gewartet. Darauf, dass es weitergeht. Darauf, endlich irgendwo anzukommen und ein neues Leben anzufangen. Das Warten kann zur tagesfüllenden Beschäftigung werden, wenn die Alternativen fehlen. Zur Untätigkeit gezwungen. Diesen Ausdruck habe ich in den letzten 2 Monaten so oft gehört wie noch nie.

Dreh- und Angelpunkt ist der Interviewtermin bei der EASO (European Asylum Support Office). Diese „Hilfsbehörde“ trifft eine vorläufige Entscheidung über den Asylantrag und erteilt die Erlaubnis zur Weiterreise nach Athen. Ich habe gehört, dass die EASO pro Tag etwa 2-3 Interviews durchführt. Wartezeiten von bis zu 10 Monaten sind nicht ungewöhnlich.

Athen – der nächste Schritt, Hoffnungsträger. Es tut mir weh zu wissen, dass auch Athen nicht das Ende der Flucht sein wird, nicht das erhoffte Paradies. Das wird für viele sicherlich eine derbe Enttäuschung. Und wie oft kann man eigentlich die Hoffnungen und Träume eines Menschen zerschmettern, ohne dass das Folgeschäden hat?

Was den Alltag der Menschen ganz entscheidend mitbestimmt, ist der Ort an dem sie untergebracht werden. Moria, Kara Tepe oder das Caritashotel sind die wahrscheinlichsten Optionen. Über Moria hatte ich ja bereits in anderen Texten berichtet. Wobei man die Umstände dort gar nicht oft genug anprangern kann. Die letzten Abende, die ich Mitte Dezember in Moria verbracht habe, waren die ersten, an denen es gefroren hat. Mittlerweile sind Bilder von unter Schnee zusammengebrochenen Zelten durch die Medien gegangen. Die griechische Küstenwache bringt jetzt Menschen auf einem Schiff unter. Es gab viele Todesfälle in den letzten Wochen, CO2-Vergiftungen. Warum?

Kara Tepe ist das andere große Camp, in dem ich viel Zeit verbracht habe. Es ist ein spezielles Camp für Familien, das auf einem ehemaligen Verkehrsübungsplatz mit angrenzendem Olivenhain errichtet wurde. Ca. 1000 Menschen, davon 500 Kinder, leben dort in sogenannten „Pre-Fabs (Fabrics)“. Das sind „Boxen“ aus hartem Plastik, wasser- und winddicht, ca. 12m² groß, eine Tür, zwei Fenster, Doppelstockbetten, Decken und – das Wichtigste – ein gasbetriebener Heizofen. Jede Familie bekommt ihre eigene „Box“. Das Essen wird Familie für Familie verteilt. Es muss also niemand wie in Moria Schlange stehen und Angst haben, dass am Ende nicht genug für alle da ist. Es gibt einen Kinderspielplatz, ein Fußballfeld, viele Container von NGOs, die dort verschiedene Dinge im Angebot haben: Kinderprogramm, Kino, Frauengruppen, Männercafés, Geigenunterricht, … Zwischen den „Boxen“ ist viel Platz, Kinder rennen umher, viele Familien haben sich aus Paletten Sitzmöbel gebaut, sitzen draußen, plaudern mit Nachbarn und Freiwilligen. Es ist schön durchs Camp zu laufen, bekannte Gesichter zu sehen. Hallo hier, Hallo da! Hin und wieder werden wir zum Tee eingeladen. Gastfreundschaft wird groß geschrieben, selbst wenn eigentlich zum Teilen kaum was da ist. Kara Tepe ist in Ordnung. Könnte in Ordnung sein, für ein paar Tage, ein paar Wochen. Aber nicht für Monate. Das darf man nicht vergessen. Der Alltag gaukelt Normalität vor…

Das größte „Glück“, haben diejenigen, die im Caritashotel untergebracht werden. Wobei Glück in dem Fall wohl auch relativ ist, denn um dort bleiben zu dürfen, muss man ein „besonders verletzlicher Fall“ sein: schwer traumatisiert, alleinerziehend, körperlich eingeschränkt oder psychisch sehr labil. Und umgekehrt bedeutet das auch nicht, dass alle Menschen, auf die das theoretisch zutrifft, dort aufgenommen werden.

Trotz der „schweren Fälle“, die dort aufeinander treffen, merkt man im Caritashotel sofort eine ganz andere Atmosphäre. Es handelt sich eben wirklich um ein Hotel mit allem Pipapo: gläserne Empfangshalle, Aufenthaltsräume, schöne Begrünung im Außenbereich, Strand in 2 Minuten zu Fuß erreichbar. Es kursiert das Gerücht, ein anonymer Spender habe das ganze Hotel gemietet und der Caritas Griechenland zur Verfügung gestellt. Wer weiß, ob das stimmt, aber die Menschen sind dort sicherlich viel besser untergebracht, als in den anderen Camps. Sie haben ihre eigenen Zimmer/Bungalows mit Dusche etc. Ich verstehe nicht, warum nicht mehr Hotelbesitzer ihre Hotels zur Verfügung stellen. Alle reden über die großen finanziellen Einbrüche seit Rückgang der Touristenzahlen, während die großen NGOs händeringend nach alternativen Unterkünften suchen – welche sie sogar bezahlen würden – und keine finden…

Zurück zum Alltag… Was außerdem allen, die auf Lesvos gestrandet sind, gemeinsam ist, ist die komplette Fremdbestimmtheit. Wann es was für Essen gibt, wann es was für Kleidung gibt, wo du wie wohnst, wer deine Nachbarn sind, ob du schwitzt oder frierst, ob dein Kind zur Schule geht: Nicht deine Entscheidung! Darüber ob die Kinder zur Schule gehen können, diskutieren Gesundheits- und Bildungsministerium. Es fehlen Impfungen. Darüber welche genau für einen Schulbesuch benötigt werden, können sich die Ministerien nicht einigen. Schade, können halt hunderte von Kindern nicht zur Schule gehen. Seit Monaten. Obwohl es schon eine große Impfkampagne gab. Menschenrecht auf Bildung??? Na, wo kämen wir denn da hin…

Und all diesen Umständen zum Trotz schaffen es viele, unbeirrt ihren Weg weiter zu gehen. Da sind die Imbissbuden vor den Camps, für 2,50€ gibt es syrische Falafel. In den Camps gibt es Teezelte, M.´s Schokocapucchino wärmt kalte Hände und die Seele. Bei den kurdischen Jungs sorgt eine bunte Lichterkette für Diskofeeling. Bezahlen darf ich selten. Ein geflüchteter Lehrer bringt den Kindern und Erwachsenen nun Englisch und Farsi bei. Zwei Mädels fragen uns, ob wir ihnen eine Katze besorgen können. Sie wünschen sich ein Haustier. Haus und Fressnapf gibt es schon, fehlt nur noch die Katze. An einem Olivenbaum baumelt eine Schaukel, gebaut aus einem alten Autoreifen. In einer leeren, durchlöcherten Olivenöl-Tonne knistert ein gemütliches Feuer. Menschen versammelt sich, reden, lachen, schweigen, wärmen sich auf. Ich liebe es, das Feuer durch die kleinen Löcher in den Tonnen zu beobachten. Es leuchtet so schön! Ganz normale Menschen, ganz normale Situationen. Trotz der katastrophalen Gesamtsituation. Ich bin beeindruckt von der doch recht positiven Stimmung in den Camps. Ja, die Grundstimmung ist positiv! Ich fühle mich nicht belastet, wenn ich abends nach Hause gehe. Und doch weiß ich, wie schnell die Stimmung kippen kann, spüre es unter der Oberfläche brodeln. Habe es selbst miterlebt, an dem Tag, als das Feuer ausbrach.

So, und nun mein neuer Alltag. Beziehungsweise mittlerweile auch schon wieder alter Alltag. Im Vergleich zu Südamerika neu gewesener Alltag… gearbeitet habe ich in einer kleinen niederländischen NGO. Zusammen mit Samantha, einer anderen Volunteers for Lesvos – Freiwilligen, habe ich zwei Monate lang das „Psycho Social Support (PSS) Team“ unterstützt. Jeden Tag ging es raus in die Camps: Kinderprogramm, Social Shift, Ausflüge mit Familien, Schachspielen für die Erwachsenen, Kino für die Kinder, besondere Aktionen zum Weltkindertag, Englischunterricht, Armbänder knüpfen, Crowd Control (=„Empfangsdame“ fürs Ärzteteam spielen), Kreativangebot für die Erwachsenen. Die Arbeit an sich hat mir wirklich jede Menge Spaß bereitet. Gerade gegen Ende, als meine Motivation etwas nachließ, konnte ich so deutlich spüren, wie viel Energie mir die Menschen zurückgeben haben. Wie gerne denke ich jetzt an die Ausflüge mit den Familien zurück! Was für tolle Situationen, in denen ich quasi sehen konnte, wie die Anspannung für einen Moment der Ausgelassenheit, der Freude, dem Gefühl mal kurz wieder „normal“ sein zu können, weicht. Raus aus dem Camp, rein die Natur. Ein so wunderbar bereicherndes Erlebnis für alle Beteiligten! Selbst die teilweise doch ganz schön verhaltensauffälligen (um es nett zu sagen ;-)) Kinder vermisse ich mittlerweile. Ihre Energie, ihre Fähigkeit sich auf Dinge einzulassen, kreativ zu sein – wenn man es schafft, den Raum dafür zu schaffen. Was aus ihnen wohl wird? Die Schach- und Backgammonabende in unserem Container: Ein paar Schachspiele, ein Heizlüfter, heißer Tee und irgendein Handy aus dem Musik dudelt – viel braucht es eigentlich gar nicht, um Gemütlichkeit herzustellen.

Was für mich tatsächlich schwieriger und schwieriger wurde, war die Unmöglichkeit der Gesamtsituation. Wie soll man mit einem ständig wechselnden Team von Freiwilligen längerfristige, qualitativ hochwertige Angebote zur Verfügung stellen? Warum wird die ganze Zeit über, statt mit den Geflüchteten geredet? Warum braucht jede kleine Veränderung soooo viel Zeit, obwohl doch alle total flexibel sind? Ist es wirklich besser so viel wie möglich anzubieten anstatt das, was man macht, so gut, wie möglich zu machen? Und warum gibt es keine längerfristigen Dienstpläne oder festere Zuständigkeiten für bestimmte Bereiche? Und wie lange kann man eigentlich durcharbeiten ohne zu wissen, wann man das nächste Mal frei hat? Und warum bieten nachmittags in Kara Tepe x verschiedene Organisationen gleichzeitig Kinderprogramm an? Ich weiß nicht, wie genau dieser Effekt entsteht, aber ich habe das Gefühl, dass auf Lesvos so viel Energie und Ideen, die Freiwillige mitbringen, einfach ungenutzt verpuffen. Auch meine. Und das macht mich irgendwie wütend. Gleichzeitig auch nicht. Auf wen soll ich da wütend werden? Auf die NGOs, die versuchen irgendwie das Beste draus zu machen? Auf die Politiker, denen das Schicksal tausender von Menschen am Allerwertesten vorbei geht? Auf die EU? Auf eine Menschheit, die zulässt, das so etwas passiert?

Die Umstände auf Lesvos verheizen Menschen: Freiwillige und Geflüchtete. Mit dem Unterschied, dass die Freiwilligen irgendwann einfach ins Flugzeug steigen und wieder weg fliegen können. So auch ich. Kleiner und kleiner wird die Insel unter mir.

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