Lea (Juli/August 2016)

3 Wochen bin ich jetzt schon auf Lesbos; so viel ist in dieser Zeit passiert. Wo fängt man da nur an?

Ich könnte zum Beispiel damit anfangen, wie inspirierend die Menschen für mich waren, die das No Border Social Center aufgebaut haben. Sie haben für viele einen wundervollen Ort aus dem Nichts – aus einem Haufen Müll und einer Ruine – errichtet. So etwas habe ich zuvor noch nie gesehen.

Ich könnte erzählen, wie sehr man einen solchen Ort benötigt, der nicht von Kämpfen, überfüllten Zelten und zu wenig zu essen bestimmt wird. An dem Menschen, die Schlimmes durchlebt haben, zur Ruhe kommen können, ohne Angst haben zu müssen, an dem sie einfach jemandem ihre Geschichte erzählen können.

Ich könnte auf jeden der 3 Tage eingehen, in denen das Social Center offen hatte, und überwältigende Geschichten zum Besten geben, auch über die beeindruckenden Menschen, die dort ihren Schweiß und ihr Herzblut hineingesteckt haben.

Aber schlussendlich können all das nur diejenigen nachfühlen, die vor Ort gewesen sind (vielleicht auch weil meine Schreibfähigkeit zur Verbildlichung nicht ausreicht), diejenigen,  die die begeistert funkelnden Augen der Kinder gesehen haben, wenn ihnen ein Blatt Papier und einen Stift zum Zeichnen gegeben wurde. Die Bedeutung, die dieser Moment bzw. diese 3 Tage für jeden, der daran mitgewirkt hat, besitzen, wird niemand jemals beschreiben können. Genauso wenig, wie die Enttäuschung, jetzt, nachdem das Social Center geschlossen wurde, auf dem Strand campieren zu müssen, um die noch bleibenden Menschen mit dem Nötigsten zu versorgen.

Aber  all diese Schilderungen würden nur ausufern. Deswegen werde ich mich darauf beschränken, meine innere Reaktion auf eine Frage aus der so weit entfernt scheinenden Heimat zu schildern, die die Situation hier ganz gut umreißt:

Ich wurde von meinem Bruder gefragt, ob es denn schön wäre, zu helfen.

Diese Frage hat mich sehr aufgewühlt, denn an sich empfinde ich es nicht als schön, wenn ich Essen austeile und versuche, Blickkontakt zu den Menschen zu halten, denen ich das Essen gebe, die meisten aber den Blick senken oder meiden, aus Scham, überhaupt darauf angewiesen zu sein… Angewiesen auf den weißen Samariter, der durch sein eigenes, verschwenderisches Luxusleben in der westlichen Welt Mitverursacher der Flucht dieser Menschen ist.

Hier fühle ich mich schuldiger als je zu vor, vielleicht auch, weil man zeitweilig das Gefühl bekommt, durch seine Hilfe die alte Schwarz-Weiß-Hierarchie zu erhalten. Aber auch, weil so viele Menschen einem für die banalsten Dinge so unglaublich dankbar sind, dass man das Wort danke aus ihren Mündern nicht mehr hören möchte, dass man ihnen zuschreien möchte:

„Hör auf mir dankbar zu sein, mein Land liefert die Waffen an die Taliban, die deinen Mann umgebracht haben…“

„Hör auf mir dankbar zu sein, ich und mein ganzes Land unterstützen bzw. kaufen bei Konzernen ein, die ¾ der Anbauflächen deines Landes besitzen. Keine Steuern zahlen. Dafür sorgen, dass dein Land keine Agrarwirtschaft aufbauen kann, bitterarm ist und bleibt. Dich zwingen, dich aufgrund von Hungersnöten und Perspektivlosigkeit in ein Boot zu setzen. Und wenn du überlebst, beschimpfen sie dich in meinem Land als Wirtschaftsflüchtling oder Sozialschmarotzer.“

Aber diese Erfahrungen haben mich auf der anderen Seite unglaublich dankbar werden lassen. Dankbar dafür, Menschen begegnet zu sein, die am Rande ihrer Existenz balanciert sind, die das Schlimmstmögliche erlebt haben, denen von unserer Gesellschaft mit so viel Ignoranz begegnet wird, dass es abartig erscheint…

Und genau diese Menschen kommen in Momenten zu dir, in denen du völlig erschöpft bist, lächeln dich an oder nehmen dich in den Arm.

Dies hat mich hoffen lassen, dass in jedem Menschen – egal, was die Gesellschaft oder das Umfeld ihm antut – nie die Menschlichkeit verloren geht. Das bedeutet gleichzeitig, dass es für die westliche Welt noch nicht zu spät ist, ihre distanziere Eitelkeit gegen Mitgefühl einzutauschen.

Diese Menschen hätten jegliche Legitimation, alles zu hassen und jedem zu misstrauen, weil sie aufgrund unserer Ignoranz und unseres Egoismus gezwungen werden, in kleine Schlauchboote zu steigen – und das Spiel ‚Schiffe versenken‘ gewinnen müssen. Doch trotz ihrer Traumata begegnen sie dir mit unglaublicher Güte und Menschlichkeit und teilen, wovon sie am wenigsten haben.

Wäre es da nicht langsam an der Zeit, von unserem hohen Ross zu steigen?

Wäre es da nicht langsam an der Zeit, aufzuhören, angestammte Werte und Überzeugungen, Nationalitäten und Religionen zu verteidigen, für die man sich noch nicht mal bewusst entschieden hat? Kann man überhaupt irgendetwas als einen Wert bezeichnen, wenn man sich nicht selbst dafür entschieden hat, ihn zu schätzen, sondern ihn von Anderen für sich hat kreieren lassen?
Lea

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