Jörg (März 2016)

Autoschlauch am Strand

Dienstag, 22. März 2016 um 19:36 Uhr
Gleich nach dem Eintreffen beginnt für mich die erste Schicht von 0:00 Uhr bis 10:00 Uhr am Strand. Wir halten Ausschau nach den Rubber Dinghys. Auch Restlichtverstärker und Rettungsboote aus Spanien und Holland sind im Einsatz. Die Rettungsschwimmer testen offiziell nur den Motor!

Boot

Um 09:00 Uhr morgens geht alles ganz schnell ein Boot mit ca. 30 Menschen hat es „geschafft“ Die Rettungsschwimmer ziehen das Boot zwischen den Felsen an Land. Medizinisches Personal checkt die Ankommenden. Es werden trockene Socken ausgeteilt, warmer Tee angeboten, Babys gewickelt. Jeder hat eine klare Aufgabe und das alles ohne klare Führung.

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Frau hält Baby im Arm

Aus allen Teilen Europas sind Menschen auf Lesbos um Flüchtlingen zu helfen.
Viele kleine, aus der Not entstandene NGOs helfen rund um die Uhr. Aber auch Schweizerisches Rotes Kreuz, ERCI und Proemaid aus Spanien sind hier und an vielen anderen Orten im Einsatz. Die Helfer aus Norwegen, Schweden, der Schweiz, Holland, Spanien, Griechenland, Deutschland usw. übernehmen ehrenamtlich die Aufgaben, die bei uns durch die Notfallvorsorge und den Staat organisiert werden. Hier funktioniert die Hilfe per WhatsApp und das auf hohem Niveau.

Nachtwache

Helfer/innen räumen auf

Die Küstenwache fängt viele Boote vor der Küste ab, wenn die Refugees Glück haben, ist es nicht die türkische. Es gibt auch Berichte von Seeräubern in türkischen Gewässern, die den Flüchtlingen mit Waffengewalt auf See das letzte Geld abnehmen. Eine Flucht kostet zwischen 500 Euro und 1500 Euro. Es verdienen sehr viele auf beiden Seiten gut an dem Elend der Menschen.

Freitag, 25. März 2016
Durch das Fehlen von staatlichen Strukturen auf Lesbos, haben viele kleine private Initiativen verschiedene Camps auf Lesbos aufgebaut (z.B. Better Days for Moria), um die unmittelbare Not zu lindern.

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Essenszelt

Diese Lager werden oder sind bereits von der Polizei geräumt. Die Flüchtlinge kommen in sogenannte Internierungslager.

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Die Zustände sind in den meisten dieser Lager katastrophal. Es gibt keine ausreichende Versorgung mit Nahrung, von Babynahrung ganz zu schweigen, keine medizinische Versorgung. Die Menschen sind verzweifelt. Die großen NGOs ziehen sich zurück.

http://www.fr-online.de/…/unhcr–un-fluechtlingshilfe-stell…

https://www.proasyl.de/news/abschiebungen-und-haftlager-der-eu-tuerkei-deal-und-seine-verheerenden-folgen/

Es wird viel über die Folgen und die Auswirkungen auf die Arbeit hier auf der Insel diskutiert. Eins ist sicher, dass nichts sicher ist.

Heute um 15:00 Uhr findet das South Lesvos Shoreline Response Working Group Meeting statt. Ich bin sehr gespannt, wie die freien Helfer, die kleinen Vereine und die NGOs sich und die Rettung an der Küste organisieren. Dies wird für mich wichtig, da N., die bis jetzt für mich alles vor Ort arrangiert hat, am Samstag wieder nach Hause fliegt. Nach dem Meeting geht es für mich ins Bett, damit ich die Nacht am Strand unbeschadet überstehe.

Dienstag, 29. März 2016
Die Boote kommen wieder verstärkt. In der Nacht vom 28.03 auf den 29.03 waren es 7 an der Südküste.

Lichter nachts ankommender Boote

Helfer nachts im Wasser

Die Boote sind mit bis zu 70 Menschen besetzt, die Hälfte davon  sind Kinder.

Nachts am Strand

Das jüngste Kind der letzten Nacht war 3 Tage alt. Auch eine im 9 Monat schwangere Frau befand sich an Bord. Die „Schwimmwesten“ für Kinder sind oft aufblasbare Schwimmhilfen. Die Erwachsenen tragen schnell zusammengenähte Westen, deren Inhalt aus normalem Styropor aus dem Baumarkt besteht, oder Autoreifen.

Bootsinneres mit Schwimmweste und Autoreifenschlauch

Bei schlechtem Wetter mit Wind, Wellen und Regen gibt es von den Schleusern Rabatt, die Überfahrt kosten dann nur noch 500$ statt 1500$.

Meine Aufgaben bei einer Ankunft sind vielfältig. Wenn wir den Menschen geholfen haben sicher an Land zu kommen und keine medizinische Hilfe benötigt wird, verteile ich Teddybären an die Kinder, helfe trockene Kleider zu verteilen und versuche so gut es geht die Übersicht zu behalten. Zum Glück habe ich bis jetzt noch keine Anlandung auf felsigem Untergrund oder im unwegsamen Gelände erlebt.

Text und Fotos © Jörg Holländer

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