Jane (Januar/Februar 2016)

Bericht über einen Aufenthalt auf Lesbos im Januar/Februar 2016

Die drei Wochen, die ich im Januar 2016 im Projekt Volunteers for Lesvos der Initiative „Respekt für Griechenland“ auf Lesbos verbracht habe, kann ich heute rückblickend zu den besten Erfahrungen zählen, die ich in meinem Leben je sammeln durfte. Ich möchte in diesem Bericht meine umfassenden Eindrücke wiedergeben so gut und ehrlich wie ich es kann. Dazu beginne ich am besten chronologisch.

Die Grundidee stammte von meiner sehr guten Freundin Basak. Sie fragte mich um Weihnachten 2015 herum, ob ich Interesse hätte, mit einem Projekt der Initiative „Respekt für Griechenland“ einige Zeit als freiwillige Helferin auf Lesbos zu arbeiten. Ich bin neuen Herausforderungen gegenüber nie abgeneigt und außerdem hatten wir schon einige Male zusammen mit Flüchtlingen gearbeitet. So kam es, dass ich unserer späteren Koordinatorin Anja Schneider eine formlose E-Mail schrieb, auf die ein langes freundliches Telefonat folgte und dann buchten wir schon bald unsere Tickets. […]

Ich hatte natürlich schon in den Nachrichten von der Insel Lesbos gehört und von den humanitären Dramen, die sich insbesondere im Sommer 2015 dort abgespielt hatten. Deswegen war ich also etwas nervös und zudem froh, dass ich meine Freundin an meiner Seite haben würde. […]

Wir kamen mit einem Tag Verspätung auf Lesbos an. Schon bei unserer Taxi-Fahrt ins Zentrum konnten wir eine Bootslandung beobachten. Es wurde mir sehr schnell klar, dass das ägäische Meer und der Strand von Lesbos in mir andere Gefühle wachrütteln würden, als Strand und Meer normalerweise bei mir auslösen. Statt Freude auf anstehende Erholung empfindet man vielmehr Trauer, wenn man den Blick gen Türkei richtet und nach Gummibooten mit vom Krieg vertriebenen Menschen Ausschau hält. Man fragt sich bei jeder dort liegengelassenen Rettungsweste, welcher Mensch darin wohl Zuflucht gesucht hat und wo er jetzt ist. Bei jeder Welle, die man auf dem Meer beobachtet, kam einem der Gedanke an grauenhafte Unglücke und Menschen in Seenot.

Nach diesem ersten sehr eindrucksvollen Erlebnis lernten wir in dem von der Initiative zur Verfügung gestellten Apartment unsere Teamkollegen Ralf und Clara kennen. […] Wir verstanden uns alle auf Anhieb hervorragend. Ich hatte das Gefühl ich selbst sein zu dürfen. Alle drei Wochen zusammengefasst kann ich jetzt sagen, dass ich selten ehrlichere und emotionalere Gespräche mit so interessanten Menschen geführt habe.

Unsere erste Woche startete relativ ruhig. Wir lernten bei einem Rundgang die Stadt kennen, die für die nächsten drei Wochen unser Zuhause werden sollte. Wir besorgten uns außerdem die nötige Ausrüstung für den Einsatz als Team – in Form von Visitenkarten und bedruckten Warnwesten. Aus Gesprächen mit Clara, die schon etwas länger vor Ort war, lernten wir einiges über die Arbeitsweise der diversen Hilfsorganisationen der Insel, Anja erklärte uns die Zwecke der unterschiedlichen Camps […], Ralf fungierte unter anderem als unser Teamfotograf; wir erteilten ihm entsprechend die Erlaubnis unsere Arbeit bildlich zu dokumentieren.

An unserem zweiten Tag nahmen wir an einem Meeting des Camps „Pikpa – Village of all together“ teil. Es handelt sich dabei um ein ehemaliges Kinderferienlager, welches lange leer stand und von lokalen Aktivisten umfunktioniert wurde, um flüchtigen Familien, Verletzten und schwangeren Migrantinnen ein Dach über dem Kopf zu bieten. Unter den Gästen sind Menschen aus Syrien, Afghanistan oder Nordafrika, die von der türkischen Küste aus die gefährliche Überfahrt riskieren, um später das europäische Festland erreichen zu können. Viele haben auf diesem Weg ihre Angehörigen verloren und suchen nach ihnen. Andere brauchen medizinische Hilfe oder einfach Kleidung und Essen für ihre Kinder. Dort lernten wir auch andere Freiwillige kennen. Einige waren ebenfalls mit gemeinnützigen Organisationen hier, andere hatten sich alleine auf den Weg nach Lesbos gemacht um wenigstens einen Teil zur Lösung der vorherrschenden Probleme beitragen zu können. Dabei fand ich besonders interessant, dass sich auch Leute von weit her, also aus den USA, Neuseeland und Südafrika, von den Problemen in Europa betroffen fühlten und sich berufen fühlten nach Lesbos zu reisen um zu helfen. Uns wurde schnell klar, dass die primär zu sprechende Sprache Englisch sein würde.

Wir verbrachten einen Großteil unserer ersten Woche dort in Pikpa und übernahmen die unterschiedlichsten Aufgaben. Wir bauten Regale zusammen und sortierten die Spielsachen der Kinder vor Ort ein. Wir halfen im sog. Warehouse, wo Kleiderspenden eintreffen, die für die unterschiedlichen Camps und Zwecke sortiert werden sollten. Zudem versuchten wir – ich spreche jetzt von meiner Freundin Basak und mir – uns unser Jura-Studium zu Nutze zu machen. Bei einem gemeinsamen Tee im Küchenzelt stellten wir fest, dass viele der Flüchtlinge brennende Fragen insbesondere zu ihrer bevorstehenden Route durch Europa und zu ihrem rechtlichen Status hatten. Da die Informationen, die sie aus dem Internet oder von den Schleppern bekommen, teils unvollständig und widersprüchlich sind, hielten wir es für eine gute Idee, Fragen anzunehmen, sie rechtlich vollständig zu recherchieren und diese Informationen wieder an die flüchtigen Menschen zu tragen. Das Projekt scheiterte leider an etwas ganz Praktischem: die meisten Flüchtlinge halten sich nur für einige wenige Tage, wenn nicht sogar nur einige Stunden auf der Insel auf, bevor sie Richtung Athen aufbrechen. Da wir als Juristinnen jedoch den Anspruch hatten, die rechtliche Situation umfassend zu würdigen (die sich teilweise als sehr kompliziert herausstellte) und keine halbgaren Informationen herausgeben wollten, spielte schlicht die Zeit gegen uns. Nichtsdestotrotz gelang es uns aber einige grundsätzliche Fragen der Camp-Leiter zu beantworten. Insofern war das Projekt nicht vollends gescheitert.

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© Jane 2016

Pikpa leistet schon tagsüber unglaubliche Dinge: es bietet Unterkunft für ca. 150 Menschen, die in Holzhütten und stabilen Zelten unterkommen können. Es gibt eine Kleiderkammer, wo man trockene und warme Anziehsachen für die bevorstehende Weiterreise bekommen kann und es ist eine Küche angeschlossen, in der Freiwillige bis zu 2000 Mahlzeiten am Tag produzieren, die dann in das Registrierungscamp Moria verladen werden. Zusätzlich werden von Pikpa aus auch noch sog. Nachtschichten gefahren. Einige Helfer arbeiten nachts entlang der Küste, wo sie nach ankommenden Booten Ausschau halten. Sobald sie eines erspäht haben, weisen sie die Boote an, wo sie am besten landen können und gehen ihnen im Wasser entgegen um die schaukligen Boote zu stabilisieren. Helfer sind nachts insbesondere in den Wintermonaten am Strand immer erwünscht. Die Flüchtlinge werden von den Schleppern gezwungen sich auch bei Minustemperaturen auf den Weg über das Meer zu machen. Wenn sie dann nach einer ca. dreistündigen Überfahrt am Strand ankommen sind sie fast erfroren. Es ist also gut, wenn so viele Leute wie möglich vor Ort sind, die Decken reichen, warme Socken, Mützen und Schals verteilen und die Ankommenden mit einem warmen Lächeln empfangen. Danach werden sie von einem Bus des UNHCR abgeholt und nach Moria zur Registrierung verbracht.

© Jane 2016
© Jane 2016

Also mieteten wir bald ein Auto um ebenfalls nachts losfahren zu können. Wir schlossen uns dabei einer Gruppe von sog. Lifeguards aus Pikpa an. Das sind diejenigen Helfer, die ich oben erwähnt habe, die im Neoprenanzug den Booten entgegengehen und die Menschen herausheben. Meine erste Nacht am Strand war einfach nur überwältigend. Zunächst fand ich es wahnsinnig interessant zu sehen wie gut die NGOs und die Freiwilligen vor Ort organisiert sind. Die Organisation läuft größtenteils über Whatsapp. Tatsächlich existieren Whatsapp-Gruppen, in denen sich Flüchtlinge in der Türkei und freiwillige Helfer in Griechenland 15 km voneinander entfernt mit der Meerenge dazwischen befinden und in die Flüchtlinge – während Sie auf dem Meer in ihrem Gummiboot treiben – ihren Standort senden, damit die Helfer wissen, an welchem Strand genau sie landen und abgeholt werden sollen. Dann ist die Landung selbst einfach nur ein Gänsehaut hervorrufendes Erlebnis. Zunächst sind alle erleichtert, wenn ein Boot nicht untergegangen ist mit all den Menschen darauf. Denn die Rettungswesten, die alle tragen, sind zu 90% gefälscht. Das heißt sie sind gefüllt mit einem Material, das Wasser aufsaugt, anstatt dass es oben treibt. Ich hatte das Glück, dass die Bootslandungen, die ich beobachten konnte, alle ruhig und friedlich abliefen. Natürlich scheint alles im ersten Moment sehr chaotisch zu sein, aber grundsätzlich ist alles Nötige vor Ort und die Ankommenden sind glücklich, dankbar und fast ausgelassen in dem Moment in dem sie erstmals europäischen Boden betreten.

Während es dann für mich notwendig wurde tagsüber zu schlafen, machte sich der Rest des Teams in der zweiten Woche auf, ein weiteres Camp auf Lesbos zu besichtigen. Es handelt sich dabei um das europäische Registrierungszentrum – in den Medien als „HotSpot“ bezeichnete – Moria. Wir hatten schon einiges über das Camp, welches früher ein Internierungs-Lager war, gehört und wollten uns auch davon einen Eindruck verschaffen. Was meine Teammitglieder zu berichten hatten, war erschütternd. Nach Moria selbst kamen sie gar nicht herein (in das Innencamp mit der Registrierungsstelle durften nur Mitarbeiter des UNHCR und einiger anderer NGOs) aber außerhalb des Registrierungszentrums war durch die Initiative von Freiwilligen ein zweites Camp entstanden, um die Erstversorgung der Ankommenden zu gewährleisten: Better Days for Moria. Obwohl dort die Abläufe mittlerweile (und im Sommer war es wohl anders) gut organisiert waren und es auch hier Essen, Trinken und Wechselkleidung für die Flüchtlinge gab, handelte es sich objektiv um ein ziemlich trostloses Stück Land. Das Camp lag in einem alten Olivenhain. Sehr matschig, wenn es regnete – zugestellt mit Zelten und dazwischen ein paar brennende Tonnen, denn es war sehr kalt. Die Freiwilligen arbeiteten dort in Schichten (9.-17.30 Uhr Uhr /17-1.30/1-9.30 Uhr) und es wurde berichtet, dass zwar in der Nachtschicht am meisten Hilfe benötigt wurde, die wenigsten Helfer aber bereit waren, diese Schicht wirklich kontinuierlich zu übernehmen. Für meine Freundin Basak war sofort klar, dass sie den Rest der Zeit nachts dort arbeiten würde, sie begann schon am selben Tag mit der Arbeit. Ich selbst hatte noch mich noch für eine Schicht am Strand verpflichtet. Nachdem ich diese aber abgeleistet hatte, machten wir uns fortan nachts gemeinsam auf den Weg nach Moria.

© Jane 2016
© Jane 2016

Die letzte Woche verbrachten wir fast vollständig im Außencamp, arbeiteten dort in der Kleiderausgabe und waren somit dafür zuständig die gerade ankommenden Flüchtlinge mit trockenen Anziehsachen zu versorgen. Die meisten von ihnen tapsen unwillkürlich einmal mit beiden Füßen ins eiskalte Wasser, wenn sie aus dem Boot steigen und auf den Strand gehen wollen. Es war also insbesondere wichtig genügend Hosen, Socken und Schuhe zur Verfügung zu haben. Die Nächte in Moria waren extrem aufregend und vielfältig. Ich durchlebte dort förmlich eine Achterbahn der Gefühle. Beispielhaft möchte ich meine erste, sehr eindrucksvolle Nacht beschreiben.

Wir kamen um 1 Uhr morgens an und es war bereits klar, dass es aufgrund des schlechten Wetters in dieser Nacht relativ ruhig bleiben würde. Grundsätzlich lautet die Vermutung: je kälter und regnerischer es ist, desto weniger Menschen machen sich auf die gefährliche Reise über das Meer. Wir waren ca. zehn Leute und sortierten zunächst ein paar Spenden. Gegen 4 Uhr morgens entschieden wir gemeinsam, dass wohl nicht mehr viel passieren würde und schickten die Hälfte der Freiwilligen heim. Gegen 5 Uhr morgens passierte es dann: ein UNHCR-Bus traf ein. Ca. 80 Flüchtlinge, die aufgrund des Wetters patschnass und halb erfroren waren, benötigten neue Kleider. Ich würde schätzen, dass die Hälfte Kinder waren. Das absolute Chaos brach aus. Die Mütter und Kinder wurden getrennt von den Männern in Zelte gebracht, wo sie sich umziehen konnten. Da die Menschen das Spendenlager nicht selbst betreten dürften, musste man Bestellungen über die benötigten Kleider aufnehmen. Das heißt man musste sich merken, wer was braucht, wer welche Größe hat. Hinzu kamen sprachliche Barrieren.

Die folgenden Stunden waren für mich sehr anstrengend, aber auch sehr lehrreich. Es gab erschreckend negative und unglaublich positive Situationen. Zu den Momenten, die mich sprachlos machten, gehörten von Kopf bis Fuß durchnässte Kinder, die nicht mehr sprachen, weil sie unter Schock standen. Übermüdete Mütter, die sich um eben diese Kinder sorgten und deswegen weinten. Es machte mich wütend, eine alte Frau zu betreuen, die – obwohl sie fast erfroren war und sich kaum noch bewegen konnte – noch von ihrem Mann angewiesen wurde ein langes traditionelles Kleid zu tragen und keine warme Jogginghose. Daneben traten andere wunderschöne Momente und Eindrücke, die einen trotzdem wieder traurig machen. Etwa als ich mich einem Jungen abklatschte, als ich endlich ein paar coole, warme Schuhe für ihn gefunden hatte. Babys, die sorglos kicherten, als ich sie aus nassen Kleidern schälte und neu wickelte. Ich lernte einen Mann kennen, der in London studiert hatte und nichts anderes wollte als wieder dorthin; er musste aber dieses mal die Flüchtlingsroute nehmen. Zwei Marokkaner – Wirtschaftsflüchtlinge nennt man sie in Deutschland – die die ganze Nacht im Küchenzelt durcharbeiteten und mich beiseite zogen auf eine heiße Schokolade, als sie mir die Erschöpfung ansahen.

© Jane 2016
© Jane 2016

Die Erfahrungen die ich in dieser einen Nacht gemacht habe, waren so komplex wie die Flüchtlingskrise selbst. Ich war danach mit den Nerven erst einmal ziemlich am Ende. Ich verüble mir das jetzt aber selbst nicht mehr, so wie ich es anfangs getan habe. Man versucht dort allen gerecht zu werden und scheitert dann an seinen eigenen Ansprüchen. Nachdem ich die Situation dann erfasst hatte, ging es mir besser und ich kehrte nach Moria zurück um dort weiter nachts zu helfen.

Die Erfahrungen die ich in dieser einen Nacht gemacht habe, waren so komplex wie die Flüchtlingskrise selbst. Ich war danach mit den Nerven erst einmal ziemlich am Ende. Ich verüble mir das jetzt aber selbst nicht mehr, so wie ich es anfangs getan habe. Man versucht dort allen gerecht zu werden und scheitert dann an seinen eigenen Ansprüchen. Nachdem ich die Situation dann erfasst hatte, ging es mir besser und ich kehrte nach Moria zurück um dort weiter nachts zu helfen.

Von der Initiative bzw. von unserer Koordinatorin Anja und von Ralf wurden wir dabei liebevoll unterstützt. Sie sorgten sich darum, dass der Kühlschrank im Apartment gefüllt war und dass eine Tasse Kaffee für uns bereit stand, wenn wir morgens heimkamen. Außerdem hatten sie immer ein offenes Ohr für das, was einen nach solchen Erfahrungen bewegt. Noch einmal möchte ich betonen, dass ich mich selten (oder nie) in solch einem Kreis von liebevollen, toleranten und hilfsbereiten Menschen wiedergefunden habe. Das trifft auf meine Mitbewohner von der Initiative zu sowie auf alle Freiwilligen, die ich auf Lesbos kennengelernt habe. Abschließend kann ich sagen, dass ich die Erfahrungen, die ich dort gemacht habe und die Eindrücke, die ich gewinnen konnte, jetzt nicht mehr missen möchte. Ich hatte eine wundervolle Zeit, in der ich sehr viel gelernt habe und überlege mir noch heute – über einen Monat später – wann ich es schaffe wieder dorthin zurück zu kehren, um noch einmal wenigstens einen kleinen Beitrag zur Lösung dieser komplexen Krise leisten zu können.

– Jane –

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