Basak (Januar/Februar 2016)

Ein Moped und trockene Socken

Text: © Basak
Fotos: © Ralf Henning

Flüchtlingscamp Moria, Lesbos, Griechenland
Flüchtlingscamp Moria, Lesbos, Griechenland, Januar 2016

Sie kamen in Massen an den Bahnhöfen in ganz Deutschland an. Ein Großteil von ihnen waren Männer. Einen langen und erschöpfenden Weg hatten sie hinter sich gebracht. Ihre Dörfer, Frauen und Kinder zurückgelassen. Vermutlich wären sie nicht gegangen, wenn es die Umstände dort nicht erforderlich gemacht hätten. Die finanzielle Not, die hohe Arbeitslosigkeit – ihre Heimatländer schenkten ihnen keine Zukunft. So machten sie sich auf den Weg ins Ungewisse. Die meisten von ihnen waren bislang noch nie im Ausland gewesen, geschweige denn auf einem anderen Kontinent mit so unterschiedlichen Traditionen und Bräuchen. Nach ihrer Ankunft lebten sie in Heimen zusammen auf engem Raum. Kochten, tranken, lachten und stritten – und hofften irgendwann ihre Familien nachholen zu können, damit das neue Leben doch etwas erträglicher schien. Es war nicht nur die Sehnsucht nach ihren Frauen und Kindern, die sie umtrieb, es war der tägliche Ruf des Muezzins, die morgendlichen Schreie der Straßenverkäufer, die mit ihrem Wagen eine kleine Auswahl an frischen Backwaren anpriesen, die Geselligkeit der Menschen – die bis in die tiefen Abendstunden saß man häufig bei einem Schwarztee und einer ordentlichen Portion Sonnenblumenkernen beisammen – nicht nur am Wochenende. Und die Sonne! Sie hatten einen hellen und warmen Alltag hinter sich gelassen. Das neue Leben in Deutschland fiel ihnen nicht sehr leicht. Die körperlich schwere und „schmutzige“ Arbeit war hart. Als kleines Willkommensgeschenkt schenkte man einigen von ihnen einen Fernseher! Der Millionste erhielt sogar ein Moped. Mit Applaus und in Feierlaune begrüßte man sie.

Nein lieber Bassam, ich erzähle nicht die Geschichte, die dein Großvater, mit dem du her gekommen bist, in Deutschland schreiben wird. Zwar hättest du Recht wenn du einwenden würdest, dass deine Familiengeschichte, die Erinnerungen deines Großvaters in Zukunft genauso klingen könnten – bevor der Krieg euch heimsuchte. Gerade sitzt du auf Lesbos vor der Kleiderkammer eines provisorischen Flüchtlingscamps vor mir und schaust mich mit deinen strahlend blauen Augen einfach nur fragend an.

Flüchtlingscamp Moria, Lesbos, Griechenland
Flüchtlingscamp Moria, Lesbos, Griechenland, Januar 2016

Dein Alter muss ich schätzen, vielleicht bist du sieben oder acht Jahre alt. Ich würde dich gerne fragen, aber ich vermute du sprichst nur arabisch. Nicht mal deinen Namen kenne ich, ich nenne dich nur Bassam – den Lächelnden (arabisch). Du bist sichtlich erschöpft von der anstrengenden Reise, die du hinter dir hast. In den Morgenstunden hast du in einem völlig überfüllten Schlauchboot das europäische Ufer erreicht. Empfangen wurdet ihr von freiwilligen Helfern aus aller Welt, die hierhergekommen sind, um sich nachts an den Küsten der Insel einzufinden und die Erstversorgung für die ankommenden Menschen zu machen. Im Anschluss wurdet ihr von den Bussen des UNCHR abgeholt und zu uns gebracht.

Flüchtlingscamp Moria, Lesbos, Griechenland
Flüchtlingscamp Moria, Lesbos, Griechenland, Januar 2016

Hier, im provisorischen Camp von Better Days for Moria haben sich Freiwillige zur Aufgabe gemacht, die ankommenden Menschen mit Nahrung, trockener Kleidung und dem Notwendigsten zu versorgen. Neben BDfM befindet sich ein HotSpot, in dem alle Personen registriert werden müssen, bevor sie weiterreisen können. Diese Registrierungsstelle ist leider oft überfüllt und mit nasser Kleidung, Hunger und Müdigkeit wartet es sich nicht so gut. Insbesondere nicht wenn es so kalt ist wie momentan.

Flüchtlingsregistrierungsstelle Moria (Hotspot), Lesbos, Griech
Flüchtlingsregistrierungsstelle Moria (Hotspot), Lesbos, Griechenland, Januar 2016 Blick auf die Einfahrt/den Eingang zur Regisstrierungsstelle
Flüchtlingsregistrierungsstelle Moria (Hotspot), Lesbos, Griech
Flüchtlingsregistrierungsstelle Moria (Hotspot), Lesbos, Griechenland, Januar 2016

In einem Schichtsystem (9:00 bis 17:30 Uhr/17:00 bis 1:30 Uhr/1 bis 9:30 Uhr) arbeiten Freiwillige hier, um zu gewährleisten, dass es euch gut geht. In dieser Nacht sind ungefähr 40 Boote mit knapp 2000 Personen auf Lesbos angekommen. Viele von ihnen waren vermutlich, genau wie du, völlig durchnässt, weshalb wir bei deiner Ankunft alle Klamotten und deine Schuhe wechseln mussten. In einer Nacht wie dieser, in der viele Menschen ankommen, mangelt es oft irgendwann an allem. Hosen, Schuhe, Jacken.

Flüchtlingscamp Moria, Lesbos, Griechenland
Flüchtlingscamp Moria, Lesbos, Griechenland, Januar 2016 Blick auf »gefälschte« Rettungswesten, die als weicher Unterboden für die Zelte verwendet werden

Ich mache seit kurzer Zeit die Nachtschichten hier in einem Team von knapp acht Personen seitdem ich am 21. Januar für insgesamt 2 ½ Wochen auf die Insel gekommen um hier mitzuhelfen. Das ist eine meiner ersten Nächte hier. Wir haben alle verschiedene Aufgaben:  die ankommenden Menschen dirigieren, Essen und heiße Schokolade verteilen, die Menschen medizinisch und mit trockener Kleidung versorgen. Ich arbeite in der clothes distribution und vergewissere mich, dass alle trocken und warm sind, wenn sie hier ankommen. Das Camp ist als eine Art Transitcamp gedacht, in dem die Flüchtlinge bleiben bis sie in Moria registriert sind und dann auf das Festland weiterreisen. Trotzdem stehen hier zahlreiche Zelte herum,

Flüchtlingscamp Moria, Lesbos, Griechenland
Flüchtlingscamp Moria, Lesbos, Griechenland, Januar 2016

denn wenn die Fähren streiken, bei der Registrierung den Menschen die Weiterreise untersagt wird oder eben das nötige Kleingeld fehlt, sitzen die Menschen hier in der Unterkunft fest. Dann ist das Camp überfüllt und wir kommen kaum hinterher. Die umliegenden Unterkünfte, die für einen längeren Aufenthalt gedacht sind, sind nicht sehr groß und es werden Kranke, Familien und Syrer bevorzugt behandelt.

BDfM stellt das notwendigste bereit und wenn man sich vor Augen führt, dass das Camp von Freiwilligen aufgebaut wurde, realisiert man, welch wertvolle Arbeit hier geleistet wird.

Flüchtlingscamp Moria, Lesbos, Griechenland
Flüchtlingscamp Moria, Lesbos, Griechenland, Januar 2016 Ehrenamtliche Helferinnen und Helfer bereiten Essen zu

Mit europäischen Standards, wie wir sie in Deutschland pflegen, hat das leider mangels staatlicher Unterstützung wenig zu tun. In den Zelten frieren die Menschen trotzdem, wenn es regnet oder schneit steht die ganze Unterkunft unter Wasser und ist voller Matsch. An großen Tonnen, in denen wir Feuer gemacht haben, können sich die Menschen ihre Hände wärmen.

Flüchtlingscamp Moria, Lesbos, Griechenland
Flüchtlingscamp Moria, Lesbos, Griechenland, Januar 2016

Nein, Bassam, obwohl die Menschen hier tolle Arbeit leisten, ist das kein guter Ort für kleine Kinder wie dich. Dir scheint es zwar nicht viel auszumachen, du schaust mich ganz zufrieden mit deinem Lutscher an, den ich dir eben in die Hand gedrückt habe. Dein Großvater, der sich derweilen desillusioniert umschaut, scheint sich des Übels schon viel mehr bewusst zu sein. Nachdem die Menschen, wenn sie das europäische Ufer erreicht haben, meistens in Freudentränen und Jubel ausbrechen, weil sie die gefährliche Überfahrt aus der Türkei überlebt haben, folgt im Anschluss eine tiefe Perspektivlosigkeit und große Frustration, wenn sie realisieren, dass sie noch lange nicht am Ende ihrer Reise sind. Eine erschöpfende Reise quer durch Europa erwartet Menschen, die ohnehin schon müde sind.

Und nein, wenn diese Menschen Europa erreicht haben, erwartet sie anders als die Gastarbeiter damals, kein neuer Fernseher oder gar ein Moped, allenfalls ein paar trockene Socken und das Notwendigste, was der Mensch in dem Moment braucht, um seinen akuten Bedarf zu decken. Wenn sie dann in dem gelobten Deutschland ankommen, werden sie entweder von einem Teil als „Gutmenschen“ beschimpften bzw. belächelten deutschen Bürgern erwartet, die sich mit ihnen solidarisieren oder sie müssen erfahren, dass das für sie gedachte „Heim“ noch vor ihrer Ankunft abgebrannt wurde. Wenn sie besonders viel Pech haben, stehen rechts gesinnte Menschen bei ihrer Ankunft vor den Bussen und geben ihnen deutlich zu spüren, dass sie nicht gewollt sind. Man könne nicht Millionen Menschen aufnehmen, schon gar keine Wirtschaftsflüchtlinge. Das seien solche, die nur aus finanziellen Gründen kommen. Doch ist das so verwerflich? Ist es wirklich eine Schande sein Heimatland zu verlassen, weil man sich für seine Familie eine bessere Zukunft wünscht? Aus den unterschiedlichsten Gründen kommen die Menschen in den Westen, die einen, weil sie Angst um ihr Leben haben und vor dem Krieg zuhause flüchten und wiederrum andere, weil sie sich selbst und/oder ihren Kindern die bestmöglichen Chancen bieten wollen. Vergegenwärtigt man sich, dass Deutschland knapp 80 Millionen Einwohner hat, und das die Zahl der Erstanträge auf Asyl letztes Jahr nicht mal 1 % der Gesamtbevölkerung darstellt, erscheint einem die Aussage, dass man so viele Menschen nicht aufnehmen könne, wie ein schlechter Scherz.

Auch die Gastarbeiter kamen damals in Millionen mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft für ihre Familien. Die Motivlage ist also die gleiche. Nur war sie damals nicht verwerflich oder etwas wofür man sich schämen musste, denn der Unterschied war: Deutschland brauchte diese Menschen um sich wirtschaftlich zu stabilisieren. Jetzt wo wir es geschafft haben eine schwarze Null in unserem Haushalt zu schreiben, fällt es uns indes schwer, eine viel kleinere Menge an Menschen in unsere Gesellschaft aufnehmen zu wollen. Geschlossene Balkanrouten, Asylverschärfungen, der EU-Türkei-Deal sind die heutigen Reaktionen auf „Zuwanderung“. Es ist schmerzlich zu sehen, dass die staatlichen Reaktionen auf Zuwanderung letztlich eine Frage des Ertrags zu sein scheint.

Meine beiden Großväter mütterlicher- und väterlicherseits kamen damals aus der Türkei als Gastarbeiter nach Deutschland. Jung, arbeitswillig und ertragsreich für das geschwächte Deutschland. Ihre Enkel sind mittlerweile in der „Mitte“ der Gesellschaft angekommen, setzen sich aus Juristen, Lehrern und Pädagogen zusammen. Trinken Bier und essen Baklava. Tanzen deutsch und lieben türkisch. Sie selbst sind irgendwann zurückgekehrt.

Egal aus welchem Grund du mit deinem Großvater gekommen bist Bassam, es tut mir leid, dass die Geschichte deines Großvaters in Europa nicht mit einem Moped oder einem Fernseher, sondern mit einem Paar trockenen Socken und verdächtigen Blicken beginnt. Wie gesagt, es ist letztlich eine Frage des Ertrags für das mittlerweile wirtschaftliche stabile Deutschland und nicht des Umstands, dass das Leben, die Freiheit und das Bestreben nach Glückseligkeit zu den unveräußerlichen Rechten eines jeden Menschen gehören sollte.

Flüchtlingsregistrierungsstelle Moria (Hotspot), Lesbos, Griech
Flüchtlingsregistrierungsstelle Moria (Hotspot), Lesbos, Griechenland, Januar 2016
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