Inmitten von Olivenhainen

Während die öffentliche Aufmerksamkeit schwindet, werden die Zustände in den griechischen Flüchtlingslagern immer dramatischer. Hilfe ist nötiger denn je.

Ein Erfahrungsbericht von Anja Sophie Krauss (erschienen in der bbz 02/17 der GEW)

Die griechische Ägäisinsel Lesvos ist neben Chios und Samos die häufigste Anlaufstelle für Geflüchtete, die in Schlauchbooten von der Türkei aus nach Europa übersetzen. Zur türkischen Grenze sind es an der engsten Stelle nur sechs Kilometer. Die Küste erscheint je nach Witterung in greifbarer Nähe und doch ist es eine Überfahrt, die die Menschen in lebensbedrohliche Gefahr bringt. Dramatik und Ausmaß der Situation wurden mir im Norden der Insel auf dem sogenannten »lifevest-graveyard« bewusst. Ein Meer von Rettungswesten liegt dort aufgeschüttet in der kargen Landschaft. Kinderwesten neben Notfallpfeifen, verlorene Jacken neben kaputten Booten mit türkischen Schriftzügen. Manche der Rettungswesten sind lediglich Attrappen. Sie saugen sich nach kurzer Zeit mit Wasser voll und ziehen die Menschen unter Wasser. Kinder werden zum Teil mit Schwimmflügeln in die winzigen Boote gesetzt. Das berichtete uns eine freiwillige Helferin, die mithalf, die Boote an den Stränden in Empfang zu nehmen.

Als Berliner Assistenzärztin habe ich gemeinsam mit einer befreundeten Kinderkrankenschwester und Sozialarbeiterin im Oktober 2016 zwei Wochen auf Lesvos verbracht, um als ärztliche Volontärin an einem der wichtigsten Ankunftsorte für Geflüchtete mitzuhelfen.

Die Bedingungen sind würdelos

Mein Haupteinsatzort war Moria. Dieses sogenannte »Hotspot-Flüchtlingslager« ist ein unsäglicher Ort inmitten von Olivenhainen. Etwa 4.500 gestrandete Menschen schlafen hier hinter Zäunen und Absperrungen in Zelten und manchmal lediglich unter notdürftigen Plastikplanen auf dem Boden. Die Eindrücke aus diesem Lager sind schwer in Worte zu fassen. Das Leben hier ist für die Menschen würdelos, identitätsschluckend. Auf den ersten Blick sieht man erst einmal nur eine Menschenmasse: da sind Junge, Alte, Kinder und Neugeborene, Menschen am Gehstock und viele, viele ohne Familie, die alleine auf dem Weg sind.

Neben den oft schweren traumatischen Erfahrungen im Heimatland und während der Flucht, ist die aktuelle Ungewissheit und Perspektivlosigkeit der Menschen hier am schlimmsten. »Zu Hause gab es ein 50-prozentiges Risiko, getötet zu werden. Hier gibt es ein 100-prozentiges Risiko, depressiv zu werden«, so beschrieb es ein Geflüchteter.

Hier auf Lesvos sind so viele Menschen angekommen, die weite Strecken unter schwierigsten Bedingungen zurückgelegt haben. Es sind die Menschen, die die Flucht und Überfahrt überlebt haben. Viele trauern um Angehörige und Freunde, von denen keine Lebenzeichen mehr kommen oder über deren Lage keine Informationen vorliegen.

Als Ärztin war ich in der Akutsprechstunde für Erwachsene und Kinder tätig. Häufigste Krankheitsbilder sind pulmonale sowie gastrointestinale Infekte, Unterkühlungen, Dehydration und Schockzustände sowie Hautinfektionen und Riss- und Quetschwunden. Persönlich bleiben mir viele Einzelschicksale besonders in Erinnerung. So beispielsweise die akute Not eines jungen Mannes aus Eritrea, der zusammengeschlagen worden war und während der Erstversorgung plötzlich reanimationspflichtig wurde. Der Einsatz wurde durch Abstimmungsprobleme mit Ambulanzen, Polizei und Krankenhaus zusätzlich erschwert, was wir im Team als sehr belastend und frustrierend empfunden haben.

Im Rahmen der medizinischen Versorgung sahen wir auch viele traumatisierte Patienten, die aus umkämpften und zerbombten Regionen geflohen sind, nun hier festsitzen und deren Weiterreise seit Monaten ungewiss ist. Ihr Schicksal ist völlig offen. Manche stellen sich mit vordergründig vergleichsweise kleinen Beschwerdebildern vor. Oft steht dahinter das tiefe Bedürfnis, gesehen zu werden, Zuwendung und Hilfe zu erfahren – und sei es aufgrund eines grippalen Infekts. Leider hatten wir zudem jedoch auch regelmäßig Patienten mit Selbstverletzungen, insbesondere Schnittverletzungen sind häufig.

Die Ungewissheit der eigenen Zukunft und die schlechten humanitären Bedingungen tun das übrige, um die Gefahr einer Eskalation in den Camps hervorzurufen.

84 Menschen in einem Schlauchboot

Den regelmäßig vom UNHCR veröffentlichten Zahlen zufolge kamen im Jahr 2016 bisher insgesamt 95.892 (Stand 22.11.16) geflüchtete Menschen in Lesvos an. Nachdem die Grenzen im März 2016 geschlossen wurden, ist die Zahl der Ankommenden zunächst deutlich gesunken. Seit einigen Wochen wagen jedoch wieder vermehrt Menschen die sehr gefährliche Überfahrt, auch aufgrund der aktuellen politischen Situation in der Türkei. Die maximale Zahl der Menschen an Bord hat sich inzwischen verdoppelt. Den traurigen Rekord hält ein Schlauchboot mit 84 Menschen an Bord.

Zum Zeitpunkt unseres Aufenthalts auf Lesvos befanden sich nach offiziellen Angaben 5.918 Geflüchtete in den Camps der Insel, davon rund 4.500 im Hauptlager »Moria«, das ursprünglich nur als Übergangslager geplant war und trotz einer zwischenzeitlichen Erweiterung lediglich 2.500 Plätze zur Verfügung hat.

Während unserer Einsatzzeit wurden die etwa 4.500 Geflüchteten in Moria im Schichtsystem von durchschnittlich zwei bis drei Ärzten in medizinischen Containern versorgt. Der Großteil der Arbeit wird von freiwilligen Helfern getragen. Die Mittel sind dabei stark begrenzt und werden von Spenden finanziert.

Nach Schließung der Grenzen im März 2016 wurden die Geflüchteten zwischenzeitig im Camp Moria hinter verschlossenen Toren festgehalten. Amnesty International (AI) prangerte die menschenunwürdigen Zustände bereits im April an und beschrieb die Angst und Verzweiflung der zu diesem Zeitpunkt inhaftierten Menschen, die kaum Zugang zu Rechtshilfe und regulären Gesundheitsdienstleistungen hatten.

An dieser Situation hat sich nach unserer Beobachtung nicht viel geändert. Die schon durch AI beklagten Mängel, wie fehlende Decken oder mangelnde Privatsphäre, bestehen fort. Zwar sind die Tore von Moria für die Geflüchteten wieder passierbar, jedoch unterliegt der Zugang für die Öffentlichkeit oder Presse starken Zugangsbeschränkungen. Auch Fotografieren ist den Freiwilligen untersagt.

Die Lage vor Ort wirkt noch sehr viel verheerender, als es die Berichterstattung in Deutschland vermuten lässt. Wiederholt erfuhren wir, dass der Wasserbedarf in den sanitären Anlagen im Tagesverlauf nicht ausreichend gedeckt werden kann. Oft liegt ein beißender Geruch in der Luft durch entsprechend dürftige sanitäre Anlagen, neben denen die Menschen kampieren müssen. Mit Einbruch des Winters – der wohl kälteste in Griechenland seit 20 Jahren – sind die Bedingungen im Lager lebensbedrohlich geworden. Die Menschen schlafen in zugschneiten, vereisten Sommerzelten – und das schon seit Wochen.

Seit dem Grenzschluss im März 2016 warten weiter viele Migranten und Geflüchtete auf ihr erstes Interview, um Asyl beantragen zu können. Das Recht der Prüfung des Asylantrages vor einer möglichen Rückführung in die Türkei wurde den Betroffenen im Rahmen des sogenannten EU/Türkei-Deals zugesichert. Hierfür mangelt es jedoch drastisch an Asyl-Experten zur Bearbeitung der Anträge. Wie in einem kürzlich veröffentlichten Artikel in der Zeit bestätigt wurde, entscheiden derzeit neun Beamte über die Asylanträge von etwa 6.000 Menschen auf Lesvos. Unterdessen spitzen sich die Bedingungen in den Camps weiter zu. Auch die zunehmende mentale Anspannung ist zu spüren.

Nach unserer Rückkehr erfuhren wir von der weiteren Verschärfung der Situation. Ein erneuter Brand in Moria verwüstete das Lager und hat dabei Menschenleben gefordert, darunter das eines sechsjährigen Kindes. Trotz dieser Eskalation vor Ort scheint das mediale Interesse eher abzunehmen. Unterdessen wurde kürzlich vom Spiegel aus einem internen Bericht des Europäischen Rates zitiert, dem zufolge die Lage in den Camps der Ägäisinseln als so instabil eingestuft wurde, dass keine EU-Beamte mehr in die Lager geschickt werden. Da stellt sich die Frage, wie es besser werden soll.

Gerade in Anbetracht dieser Entwicklung ist es wichtig, die solidarische und humanitäre Hilfe vor Ort fortzusetzen. Wir hatten uns mit Hilfe des Berliner Projekts Volunteers for Lesvos (VfL) entschlossen, vor Ort zu helfen. Das Projekt wurde im Herbst 2015 nach einem Unterstützungsappell lokaler Organisationen auf Lesvos von der Initiative: Respekt für Griechenland gegründet (s. bbz der GEW 04/05 2016). Volunteers for Lesvos ist ein Hilfs- und Solidaritätsprojekt, dessen Kern ein wechselndes Team von Freiwilligen mit verschiedenen beruflichen Hintergründen darstellt. In der Hauptstadt Mytilini lebt man als Volontär gemeinsam mit anderen Teammitgliedern in einer Wohnung in der Nähe des Hafens und unterstützt die lokalen und internationalen Hilfsorganisationen vor Ort. Da nur bestimmte NGOs in den Camps zugelassen sind, ist es nicht einfach als unabhängiger Freiwilliger vor Ort zu arbeiten. Je nach beruflichem Hintergrund und gewünschtem Einsatzbereich schließen sich die Freiwilligen daher vor Ort den einzelnen NGOs an. Rat und Unterstützung bekommt man im Vorfeld eines geplanten Einsatzes von der Projektkoordination. Dies erleichtert einem den Einstieg in die Hilfsarbeit enorm.

In Mytilini sind diverse NGOs vorzufinden – als freiwilliger Helfer gibt es daher viele Möglichkeiten sich einzubringen: Neben dem medizinischen Einsatz kann man sich in weiteren Bereichen engagieren und beispielsweise helfen Kleider zu sortieren, Essen zuzubereiten oder neu ankommende Boote am Strand zu versorgen. Auch Lehrkräfte und Sozialarbeiter werden für den wichtigen Bereich der psychosozialen Arbeit gesucht. Die Tätigkeiten umfassen Angebote an Unterricht, Kindergruppenbetreuung und kreative Projekte mit Kindern. So wurde in einem der kleineren Lager eine Talentshow mit einigen Kindern vorbereitet und schließlich im Camp aufgeführt. Auch ein Fotoworkshop mit Kindern und Erwachsenen kam zustande. Zudem finden Treffen allein für Frauen und Familien statt. Die Kreativität der Volontäre ist dabei ausdrücklich erwünscht.

Die gemeinsame Arbeit im internationalen Team sowie der persönliche Kontakt zu Betroffenen haben wir als  sehr bereichernd erlebt. Sie ermutigen zu weiterem Engagement. Können die erschütternden Meldungen manchmal das Gefühl einer Ohnmacht hinterlassen, tut es gut, aktiv zu werden und entsprechende Anlaufstellen zu haben. Dies ist möglich durch persönlichen Einsatz oder über Spenden.

Dr. Anja Sophie Krauss, Assistenzärztin im Bereich Innere Medizin/ Infektiologie