Über das Projekt

Nach einem Aufruf zur Unterstützung der lokalen Flüchtlingsorganisationen auf Lesbos im September 2015 entstand in kürzester Zeit das Solidaritätsprojekt Volunteers for Lesvos, dessen Kern ein Team von durchschnittlich sechs Freiwilligen ist. Die Initiative: Respekt für Griechenland konnte dabei auf Erfahrungen von Personen aufbauen, die in der Initiative mitarbeiten und bereits im Sommer 2015 auf Lesbos waren. Das Projekt wird von Anja Schneider, im Wesentlichen von Berlin aus, geleitet. Koordiniert vor Ort wird es jeweils von einem Teammitglied, das über einen langen Zeitraum bleiben kann und/oder zum wiederholten Mal mitarbeitet.

Was genau wann wie getan wird, soll das jeweilige Team nach Analyse der Situation in Absprache mit anderen Initiativen und Hilfsorganisationen selbst entscheiden. Die Tätigkeiten stehen unter dem Anspruch, allen – den Menschen auf der Flucht, den Einheimischen, anderen Freiwilligen und den eigenen Teammitgliedern – mit Einfühlung und auf Augenhöhe zu begegnen.

Erste Projektphase: September 2015 bis März 2016

Von November 2015 bis März 2016 halfen die Teilnehmer*innen vor allem bei der Erstbetreuung der Menschen, die völlig durchnässt und unterkühlt die Strände von Lesbos erreicht hatten, und kümmerten sich um die tägliche Versorgung der Angekommenen mit Essen und Kleidung. Von Januar bis 20. März 2016 landeten allein auf Lesbos über 85.000 Schutzsuchende.

Die Entscheidung, auf Lesbos zu bleiben 

In Folge des Abkommens der EU mit der Türkei vom 20. März 2016 kamen nur noch wenige Boote auf Lesbos an, viele unabhängige Strukturen wurden abgebaut, obwohl sie für die Unterstützung der ankommenden Menschen eine essentielle Rolle spielten. Unser Team ist trotzdem geblieben, während andere Gruppen und Hilfsorganisationen sich zurückzogen – eine Entscheidung, die sich als richtig erwiesen hat.

Zweite Projektphase: April 2016 bis zur Gegenwart

Lesbos ist weiterhin ein Brennpunkt: Dort leben mehrere tausend Schutzsuchende, 2000 – 3000 im berühmt/berüchtigten Hotspot Moria.

Das Camp war lange Zeit völlig überbelegt, kurz nach dem EU/Türkei Deal wurden in Moria rund 4500 Menschen auf engstem Raum festgehalten – bei völlig unzureichender Versorgung auch im juristischen und medizinischen Bereich.

Noch im Winter 2016/17 mussten viele in Camping-Zelten ausharren, die kaum Schutz gegen Kälte und Nässe boten und im Januar 17 unter der Schneelast zusammenbrachen. Erst in Folge wurden zusätzliche Wohncontainer aufgestellt.

Nach einer kurzen Phase der Besserung hat sich die Situation wieder dramatisch verschlechtert, zumal in den letzten Wochen (Juni/Juli 17) vermehrt Boote ankamen.

Die Verteilung und die Qualität des Essens ist nach wie vor ein großes Problem, die medizinische, psychosoziale und juristische Betreuung wurde durch finanzielle Kürzungen weiter eingeschränkt.

Das betrifft nicht nur Moria, es fehlt grundsätzlich an Ärzten, Psychologen, Übersetzern und Anwälten. Die Geflüchteten warten teilweise Monate auf ihre Anhörung. Es gibt keine reguläre Rechtsberatung, die die Ankommenden über ihre Rechte oder den Verlauf des Asylverfahrens aufklären würde. Die wenigen NGOs und Anwälte, die Beratung und Vorbereitung auf das Asylverfahren anbieten, können die Zahl der Anfragen kaum bewältigen.

Viele der Schutzsuchenden leben in Angst vor einer Abschiebung in die Türkei, aus Verzweiflung kommt es wiederholt zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Das führt dazu, dass eine zunehmende Anzahl Menschen den Aufenthalt im Camp fürchtet, sie schlafen in leerstehenden Gebäuden oder am Strand und fallen so aus der Versorgung heraus.

Neben Moria gibt es weitere, besser ausgestattete Camps und spezielle Unterkünfte für „vulnerable cases“, „Härtefälle“, zu denen u.a. chronisch Kranke, Menschen mit Behinderung, Schwangere oder  alleinerziehende Mütter gehören. In ihnen leben über tausend weitere Schutzsuchende, einige wenige in Wohnungen.

Für unabhängige Volunteers wurde es durch Reglementierungen schwieriger, nach Moria und in die anderen Camps hineinzukommen. Deshalb kooperieren unsere Teammitglieder mit NGOs, die eine Zugangsberechtigung haben.

Um das Projekt Volunteers for Lesvos auch im Jahr 2017 fortführen zu können, sind wir auf Ihre Spenden angewiesen. Spendenkonto: Respekt für Griechenland, GLS Bank, IBAN DE15 4306 0967 1175 7746 02
Als Verwendungszweck der Spende bitte angeben: “Volunteers for Lesvos”

Tätigkeiten:

Die Arbeit reicht von Alltagsfürsorge bis zu professioneller Unterstützung. Das bedeutet konkret:

  • Schichtdienst, auch abends und nachts, v.a. in den Camps
  • Essensausgabe
  • Sortieren und Verteilen von Kleidung
  • Workcamps zusammen mit Bewohnern, u.a. zur Reparatur oder Verschönerung ihrer Unterkünfte
  • Unterrichten (z.B. Deutsch/Englisch)
  • Anbieten weiterer Aktivitäten wie z.B. Spielen mit den Kindern, Ausflüge, Sport, Musik…
  • Ganz wesentlich: einfach nur zuhören, miteinander sprechen
  • Übersetzen/Ermöglichen von Kommunikation (u.a. auch bei Arztbesuchen und Rechtsberatung) durch Projektteilnehmer, die Arabisch oder Farsi sprechen
  • Versorgung/Unterstützung besonders Bedürftiger/Kranker durch medizinisch und psychologisch geschulte Teammitglieder
  • Mithilfe z.B. beim Einlegen von Widerspruch in den Asylverfahren durch Jurist*innen.
  • Anregung und Koordination gemeinsamer Aktivitäten mehrerer Initiativen und NGOs
  • Mithilfe bei Versorgung von Geflüchteten ohne feste Unterkunft in Kooperation mit der No-Border-Kitchen
  • Beteiligung an der Beobachtung des Meeres und ggf. der Sicherstellung der Erstversorgung am Strand (es kommen immer noch Boote an, wenn auch sehr viel weniger, als vor dem EU/Türkei Deal)
  • Dazu kommen Recherche von Informationen, die Teilnahme an Veranstaltungen der UNCHR und Meetings mit anderen NGOs sowie das Schreiben von Berichten.

Teilnahmebedingungen

Mindestaufenthalt: Es braucht einige Zeit, um sich zu orientieren und einzuarbeiten. Daher nehmen wir inzwischen nur noch Freiwillige, die mindestens vier Wochen oder länger im Projekt mitarbeiten können. Ausnahmen machen wir gelegentlich bei Personen, die Arabisch, Farsi, Urdu, Französisch oder Griechisch sprechen und/oder medizinische, juristische oder psychologische Kompetenzen haben.

Wohnsituation: Unsere Basis ist eine einfache Wohnung in Mytilini (der Hauptstadt). Sie hat Küche, Bad, ein Wohnzimmer und sechs bis acht Schlafgelegenheiten. Je nach Größe des Teams teilen sich jeweils zwei bis drei Teilnehmer*innen ein Zimmer.

Zuschuss zu den Reise- und Lebenshaltungskosten: Die Arbeit ist ehrenamtlich. Bei Bedarf gibt es einen Zuschuss von maximal 300 € für Hin- und Rückflug und bis zu 12 €/ pro Tag für Verpflegung. Die Unterkunft und die Nutzung eines Mietwagens werden dem Team kostenfrei zur Verfügung gestellt.

Es hat sich gezeigt, dass etwa zwei Drittel der im Team Mitwirkenden ganz oder teilweise auf  Zuschüsse angewiesen sind. Niemand wird abgelehnt, weil sie oder er die Kosten nicht selbst aufbringen kann. Das unterscheidet uns von so manchen anderen Organisationen, die Freiwillige suchen, aber nur „Selbstzahler“ nehmen. Auch in dieser Hinsicht verstehen wir uns als ein Solidaritätsprojekt.

Planungsstand

Wir möchten das Projekt erhalten und die Arbeit fortsetzen, solange Bedarf besteht. Unser Team hat schon mehrfach bewiesen, dass es sich kurzfristig auf neue Anforderungen einstellen kann. Da weiterhin viele unterschiedlich qualifizierte Bewerber*innen bei uns anfragen, stellt die Projektleiterin das sich laufend erneuernde Team gezielt so zusammen, dass es schnell und flexibel auf den jeweils vordringlichen Bedarf antworten kann.

Kontakt

Das Projekt „Volunteers for Lesvos“ ist erreichbar über: Initiative-rfg@posteo.de Ansprechpersonen: Herbert Nebel, Julius Verrel (Mailanfrage/erste Infos) Anja Schneider (Projektleitung), Hilde Schramm (Respekt für Griechenland e.V.)

Wer sich beteiligen möchte, schreibe uns, wann und wie lange eine Mitarbeit möglich ist. Weiterhin bitten wir um folgende Angaben: Ausbildung, berufliche Tätigkeiten, Alter, gesellschaftspolitisches Engagement, insb. im Bereich Migration oder Flüchtlingsarbeit, Sprachkenntnisse (Englisch ist Voraussetzung), insb. Arabisch, Farsi/Dari, Französisch, Griechisch; Auslandsaufenthalte, Fahrerlaubnis sowie sonstige Kompetenzen und Erfahrungen, die für eine Mitarbeit nützlich sein könnten. Telefon- oder Handynummer bitte nicht vergessen.

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Panel 1

Maria (Juni-Oktober 2017)

I’m Maria, I’m from a small town near Valencia, Spain and I’m 30 years old. I am currently working as a long-term volunteer for Lesvos Solidarity ex Pikpa refugee camp (Pikpa) where I run the food distribution.

I first came to Lesvos in October 2016 and volunteered at Pikpa for 1 month. I was impacted by the desperate refugee situation on the island. And after having worked over the winter in Andorra, I was eager to return to Lesbos and stay for a longer period of time.

Without Volunteers for Lesvos I wouldn’t be able to stay on the island as a long-term  volunteer. I’m really grateful I got the opportunity to join the team. It means I can provide support to some of the most vulnerable refugees on the island – whilst learning new skills myself.

To give you some background information about my working place: Since 2015 Pikpa has hosted some of the most vulnerable refugees on the island including new born babies, pregnant women, families with physical and mental disabilities and victims of torture and shipwreck. As a grass-roots, community-led camp Pikpa relies very heavily on its volunteers to function and operate. Long-term volunteers are fundamental to Pikpa, particularly in spaces like food distribution. Pikpa does not allow short-term volunteers to operate in food distribution for several reasons. One is that the food distribution team has to have a deep understanding of the individual needs of the residents, which relies, at times, on confidential information. Otherwise they cannot distribute the food fairly in a dignified way. The second reason is that trust and familiarity, which only develop when you volunteer at the same place for a long period of time, are crucial in helping to establish stability in the life of Pikpa´s residents[1], many of whom have lost everything. The third reason is that the volunteers who work here have to have a clear knowledge of the best methods how to distribute the food.

Pikpa’s capacity is 110 and we currently have 114 residents, including 44 children and two new families who arrived this week. There are hundreds of cases waiting to be referred to Pikpa. We’re very short of volunteers. So I only got 4 days of vacation to go to Thessaloniki. My first 4 free days in 4 months.

Now, the new chef, Penelopi and I are trying to change the system for food distribution. We adjust the budget because lots of NGOS have left the island, so funding became even more difficult.

We have so many new families on the camp so we try to make the system more clear and to ensure that everyone’s needs are met.

Running, making the boxes in food distribution

 

2 of our residents making the bread every day.  We provide all families fresh bread 6 days per week.

 

[1] Pikpa refers to all refugees housed on camp as ¨residents¨. This is in line with the organisation´s ethos to provide more than just essentials to the island´s most vulnerable. All Pikpa´s work is based on principles of solidarity, respect for human life, non-discrimination, non-violence

Panel 2

Eva (Januar-März 2017)

‘I wanted to find a sky without bombs, so I went to Lebanon. But Lebanon was not safe,
so I went to Turkey. And when Turkey proved unsafe, I came to Greece.
And now I find here is not safe either – it is a prison.’

Salim, a 47-year-old Syrian from Daraa – Quelle: Europe has killed my hope
https://www.lrb.co.uk/blog/2017/03/30/zoe-holman/europe-has-killed-my-hope/

Hoffnungslosigkeit. Das macht mir wohl am meisten während und nach meiner Zeit auf Lesvos zu schaffen. Lesvos, das ist die griechische Insel, die durch ihre unmittelbare Distanz zur Türkei zu einem der Hot Spots der Flüchtlingskrise im letzten Jahr wurde und noch immer ist. Bedauerlicherweise hat  sich der Blick der Medien von dem Problem fast völlig abgewandt.

Meine letzte Woche auf Lesvos wird thematisch dominiert von dem EU-Türkei-Deal, der sich am 18. März zum ersten Mal jährt. Zum Stichtag sammeln sich Flüchtlinge und Unterstützer in den Straßen Mytilenes, um gemeinsam gegen dieses Abkommen zu demonstrieren und auf die Zustände und Auswirkungen des Deals aufmerksam zu machen. Für viele Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, ein Schicksalstag.

Um die massenhaften Fluchtbewegungen nach Europa zu unterbinden, wird in Brüssel vereinbart, dass Flüchtlinge, die nach dem 20. März 2016 griechisches Land erreichen, wieder in die Türkei zurückgeführt werden. Dazu wird die Türkei als sicher eingestuft. Für Schutzsuchende bedeutet dies, dass sie zwar in Griechenland Asyl beantragen können, allerdings mit geringer Erfolgsaussicht. Nur wer nachweisen kann, in der Türkei verfolgt zu werden, kann die Abschiebung abwenden. Weitere Absprachen betreffen einen erhöhten Grenzschutz. Im Gegenzug versprechen die europäischen Vertreter der Türkei EU-Beitrittsverhandlungen, Visafreiheit und eine finanzielle Unterstützung von 6 Milliarden Euro.

Da Massenrückführungen ausgeschlossen werden, wird jedem Asylsuchenden Anspruch auf ein faires Asylverfahren eingeräumt, in dem über die Zukunft des jeweiligen Antragsstellers entschieden wird. Ein ehrgeiziger Plan, welcher Griechenland noch ein Jahr später vor eine unlösbare Aufgabe stellt.

Seitdem haben sich die griechischen Inseln in ein Freiluftgefängnis verwandelt. Tausende Asylbewerber sitzen fest, unter oftmals inhumanen Bedingungen warten sie auf die Bearbeitung ihres Asylantrags – es geht weder vor noch zurück. Es gilt auszuharren, bis über das jeweils weitere Verbleiben entschieden wird.

Zum Warten verdammt, oft die einzige Beschäftigung. Vom stundenlangen Schlange Stehen für  rationierte Essensportionen, bis hin zum Warten auf die Anhörung, hin zum Warten auf die Papiere, warten. Wann es weitergeht, weiß niemand so recht. Willkürlich, so scheint es, erfolgt die Umquartierung von Zelt zu Zelt, Camp zu Camp, von Lesvos nach Athen. Die Ankündigung findet häufig nur Stunden vorher statt. In kürzester Zeit gilt es zu packen und sich von Freunden und sogar Familie zu verabschieden – mit ungewissem Wiedersehen. Nichts liegt mehr in eigener Hand. Der Mensch als Marionette im politschen Kalkül. Das Einzelschicksal unbedeutend.

Andere, deren Asylantrag abgelehnt und die daraufhin inhaftiert wurden, warten teilweise Monate auf eine weitere Bearbeitung ihres Falles. Wieder andere, deren Chance auf Asyl verschwindend gering ist, verstecken sich in heruntergekommenen Gebäuden und Wäldern. Aus Angst von der Polizei kontrolliert, verhaftet und abgeschoben zu werden, schlafen sie bei Tag und durchwachen die Nacht. Ein Leben in der Illegalität. Das Damoklesschwert der drohenden Abschiebung ist allgegenwärtig.

Die Realität in Zahlen ein Jahr nach dem Deal: Lediglich 1487 Asylsuchende wurden von Griechenland zurück in die Türkei geschickt, davon 849 direkt von den Inseln, dies bei etwa 15000 dort Ausharrenden (EU Commission – Press Release 2.03.2017). Ein verhältnismäßig geringer Anteil also. Ob dies alleine an der Überforderung des griechischen Verwaltungsapparats oder doch auch von juristischen Hindernissen abhängt, sei dahingestellt. Zentral hier wieder die Frage, ob die Türkei als sicher für Schutzsuchende eingestuft werden kann – die Rechtfertigung des gesamten Deals, die Rechtfertigung des Zustands auf den Inseln. Wie ist es mit Rechtsstaatlichkeit und demokratischen Prinzipien in der aktuellen türkischen Politlandschaft bestellt – mit einem seit Monaten verhängten Ausnahmezustands, ganz aktuell dem von Erdogan gewonnen Referendum und der damit bevorstehenden Verfassungsänderung immer weiter hin zu einem autoritären Machtgefüge? Mit Suspendierungen und Verhaftungen von Oppositionellen und Angestellten? Mit Verfolgung und Unterdrückung von Kurden? Terroristischen Anschlägen und kriegerischen Auseinandersetzungen? Kann man bei der Türkei wirklich von einem sicheren Land ausgehen? Für Menschen, die auch sonst nirgends willkommen sind?

D.G., ein Vertreter der Turkish Lawyers for Freedom, spricht Mitte März 2017 bei der People’s Assembly in Lesvos – One year after: Refugees and locals united against the EU-Turkey deal, einer Versammlung wenige Tage vor  der Demonstration über die Situation der Flüchtlinge in der Türkei. Seinen Ausführungen zufolge leben nur etwa ¼ der 3 Millionen Schutzsuchenden in der Türkei (genaue Zahl unbekannt) in offiziellen Camps. Auch muss zwischen Syrern und Nicht-Syrern unterschieden werden. Nur Ersteren wird seit 2013 die Möglichkeit eingeräumt, temporär Schutz zu beantragen, erneut monatelange Bearbeitungszeit inklusive. Alle anderen Volksgruppen sind ohne jeglichen Anspruch auf Schutz aller Rechte  eines menschenwürdigen Daseins beraubt. Ohne medizinische Versorgung, legale Arbeitsverhältnisse und Bildung stehen Prostitution, Kinderarbeit, Betteln und Zwangsheirat an der Tagesordnung. Dies alles wird hingenommen – fatale generationenübergreifende Langzeiteffekte inbegriffen. Ohne Zugang zu fairen Asylprozessen, juristischer Vertretung und Informationen werden Flüchtlinge in sogenannten ‚Removal Camps‘ interniert, Gefängnissen gleichend. Europa unterstützt dies: Den Ausbau des bei Izmir gelegenen Harmandali Removal Camps wurde mit Geldern aus dem europäischen Milliardenfond bezahlt. Dokumentiert sind zudem Fälle von Abschiebung in Herkunftsländer wie Syrien, Irak oder Afghanistan, in denen die Betroffenen um ihr Leben fürchten müssen.

Was bleibt den von den politischen Machenschaften so schändlich Übergangenen? Nur Hoffnung. Um mit dem Wortlaut von D.G. zu schließen:

Since 20 March 2016, the date of entry into force of the EU-Turkey statement, hundreds of thousands fleeing war, persecution and extreme poverty are prevented from reaching safety, and you have called this progress. Women, children, and men have been trapped on the Greek islands for up to a year. After surviving this humiliation they are being forcefully returned to Turkey on the false premise that Turkey is a safe country.

But closing the door on people fleeing war and persecution and treating us like criminals and expendable items to be traded and exploited can never be progress.

In the Greek government run Moria refugee camp, where UNHCR and several NGOs are also operating, we are deprived of decent health care, food and water, toilet facilities and places to sleep.

We will continue to protest the deportations that are occurring without adequate access to legal aid or a fair process, and we will defend ourselves from the widespread police violence against refugees and migrants.

While Lesvos has become an unsafe place for migrants and refugees, return to Turkey is not an option. We traveled through Turkey in order to reach the safety of Europe, and in Turkey we witnessed and survived arrest and torture by the military and police, deportation to the countries from which we fled, and denial of our most basic rights.

Stop all deportations and returns to Turkey under the EU Turkey deal.

Auszug aus der Pressemitteilung der oben erwähnten Versammlung, von Vertretern der Flüchtlinge auf Lesvos an europäische Machthaber und Entscheidungsträger gerichtet. Ein Videomittschnitt findet sich unter: https://www.youtube.com/watch?v=8d_s6ZGpH8Q

Panel 3

Doro (November/Dezember 2016)

seascape
© Dorothea Ronneburg 2016

22.11.16

Durchstarten

Wir sitzen im Restaurant. R bestellt den obligatorischen Greek Salad und ich den halben Liter Weißwein, um ihn mit A zu teilen, obwohl ich jetzt schon weiß, dass ich noch ein Viertel bestellen werde, um halbwegs bettschwer zu werden. Vergessen ist zu diesem Zeitpunkt bereits der Adrenalinstoß nach Landung in Mytilini Airport und der erstaunliche Vorgang, dass mein Koffer schneller auf dem Transportband gelandet ist, als ich aus dem Bus ausgestiegen bin, um das Territorium der Insel Lesbos endgültig betreten zu haben.
Die anderen Menschen am Tisch sind Volunteers. So sagt man wenn man ehrenamtlich für eine Organisation aktiv wird. Überhaupt begegne ich neuen, international anerkannten Sprachcodes. NGO ist das Geringste, das kennt ja jede*r. Refugees auch. Man kann sagen: Flüchtlinge oder Geflüchtete. Da ist die Bezeichnung Rubber Boat oder Dinghi. Ach ja. Life Vests. Und es gibt die Camps. Sie heißen Moria, Kara Tepe und Pikpa. Dann gibt es noch den EU/Türkei Deal. Seither geht für viele Menschen auf dieser Insel nichts mehr. Oder schon gar nichts schnell. Die einen machen kein Geschäft mehr. Die anderen kommen nicht weg, obwohl sie das eigentlich wollen. Dafür machen andere ein Geschäft. Und wieder andere erleben, Teil einer Bewegung zu werden, die wie eine neue Kraft erscheint. Manchmal, so sagte mir R, müssen die Piloten durchstarten, weil sie auf der Insel nicht landen können.

23.11.16

No Smoking Area

das Schild auf dem Tisch muss da halt stehen, aber der Aschenbecher daneben eben auch. Schließlich will man nach dem Essen rauchen, so wie man es immer gemacht hat. Im Hafen von Mytilene liegt das graue Border Control Schiff der EU, es fährt unter britischer Flagge. Eine Entscheidung wie der EU/Türkei Deal hat die geplagte Bevölkerung der griechischen Inseln scheinbar entlastet. Es kommen nicht mehr Boote in Massen. Für eine kleine Weile nun scheint das Leben wieder normal zu verlaufen, auch wenn die Touristen weiterhin ausbleiben. Die Volunteers sind von Rettern zu Sozialarbeitern geworden. Die Camps manifestieren sich und findige Geschäftsleute haben Pommesbuden mit bunten Lichterketten davor aufgebaut, als wären sie ein Campingplatz. Vom Camp zum Campground. Doch der Schein trügt. Wer hier lebt sind Menschen, die in ihrer Heimat keine Chance haben. Darüber hinaus: ihr Leben dort ist bedroht. Es sind auch die Hoffnungsträger für bedrohte Kulturen und Nationen, ethnische oder religiöse Gruppen. Sie sollten den Krieg überleben. Aber auch Menschen mit Behinderungen und Alte. Schwer beschädigte Menschen auch, die extreme Schicksalsschläge und Trennungen verkraften müssen. Sie haben eine harte, gefährliche Zeit hinter sich. Und leben jetzt in einer Art gläsernem Käfig. Er ist nicht sichtbar, und doch stoßen sie beständig an die Scheiben. Wie ein Aquarium ohne Wasser.

 

24.11.16

Esperanza

An der Straßenecke treffen wir die Frau mit dem Namen Hoffnung. Sie will per Anhalter nach Pikpa, dem ‚Village of All Together’. Unsere Hoffnung, auch hier unkonventionell für die Geflüchteten tätig werden zu können, geht in Erfüllung, weil Esperanza die Türen dafür öffnet, indem sie uns vorstellt. Wir bemalen dürr bizarre Baumzweige für einen Wunschbaum zum amerikanischen Thanksgiving Fest und die Farbe lockt auch die scheuen Beobachter um uns herum. Sie kommen aus Aghanistan, Syrien, Eritrea und sind zutiefst verunsichert. Esperanza kommt mir wie eine Göttin vor. Vielleicht, weil ich in Griechenland bin. Aber sie ist auch so wie ein kleines Mädchen. Sie hat eine große Gabe Türen zu öffnen. Es ist ein großes Glück solche Ausnahmemenschen zu treffen.

 

25.11.16

Moria

Heute Nacht hat es eine Explosion in Moria gegeben. Das erste Mal in meinem Leben bekomme ich ein Gefühl für Krieg. Das ist wirklich nur ein Gefühl, denn es entbehrt jeglicher Grundlage. Ich weiß ja gar nicht was da explodiert ist. R war die ganze Nacht unterwegs gewesen, um Menschen an einen sicheren Schlafplatz zu bringen. Was geschehen ist, soll ich bald erfahren.

26.11.16

 

Sa. 26.11.16 ‚From Mytilini with hope’

Brief an amnesty international, ein Versuch

Sehr geehrte Damen und Herren,
seit einigen Jahren unterstütze ich amnesty, diesmal bitte ich selbst um Unterstützung. Vorletzte Nacht starben bei einem Feuer im Camp Moria auf der griechischen Insel Lesbos zwei Menschen.
Dieser Umstand wurde beispielsweise von der SZ wahrgenommen und findet dort mit einem süffisant menschenverachtenden Satz Erwähnung. ‚Dort kommt es immer wieder zu Aufständen der Frustrierten; gerade gab es zwei Tote, eine Großmutter und ein Kind.’ SZ 25.11.16, 19:09

Im ehemaligen Gefängnis von Moria, gebaut für 1500 Personen, sitzen aktuell ca. 5000 Menschen in Zelten mehr oder weniger auf dem blanken Boden. Sie haben Decken, vielleicht eine Unterlage. Der Winter kommt, die Nächte sind kalt. Diese Menschen kommen bekanntermaßen aus Krisengebieten und sind nicht gesund. Sie haben zum Teil unerträgliche Schicksalsschläge hinter sich. Es sind auch Frauen, Kinder und Alte. Sie als ‚Frustrierte’ zu bezeichnen ist ein zum Himmel schreiender Zynismus. Das alles wissen sie sicher genauso gut wie ich.

Aber was kann man machen? Es ist eine absurde Idee fünftausend Menschen an einem Ort zu festzusetzen und ihnen keine Perspektive anzubieten und zu glauben, die halten das dann aus und harren der Dinge die da kommen. Ein individueller Weg lässt die Geflüchteten an den Rand der Kriminalität geraten. Wer darüber hinaus aufmuckt, gerät in Gefahr, von der Polizei verprügelt zu werden. Wer fotografiert macht sich ebenfalls unbeliebt. Die aktiven Menschenrechtsverletzungen sollen nicht ans Licht kommen.

Wir diskutieren seit Tagen hier auf Lesbos, wo ich momentan als unabhängige Freiwillige Zeit verbringe, wie man dem begegnen kann.
Vorletzte Nacht sind Dutzende Leute aufgrund des Feuers und schließlich aufkommender Unruhen aus dem Lager geflohen und in den Bergen rund um Mytilini herumgeirrt. Dank der Helfer aus aller Welt konnte die Situation aufgefangen werden, aber es ist keine Lösung. Seit den ersten schweren Unruhen im September sind Vorfälle dieser Art geradezu alltäglich geworden. Sie werden auch von den Hilfsorganisationen hingenommen.
Warum sich in diesem Fall insbesondere die griechische Polizei gegenüber den Geflüchteten so aggressiv verhält ist genauso wenig nachvollziehbar, wie die türkische Küstenwache Gerüchten zu Folge Flüchtlingsboote aktiv zum kentern bringt und sie somit versenkt.

amnesty international unterstützt eine tolle Ausstellung in Athen, ‘the museum without a home’. Aber sollte nicht neben der Aufklärung für Lesbos und ganz Griechenland aktive Hilfe veranlasst werden. Zum Beispiel durch eine Petition vor dem EU Parlament?
Was kann man tun?

Gerne erwarte ich ihre Antwort.

Mit freundlichen Grüßen

Dorothea Ronneburg

 

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European politics burn our children. Friedliche Demo am 26.11.16 © Dorothea Ronneburg 2016

 

29.11.16

Brandherd

Warum eigentlich flüchten die Menschen nach Europa? Ist es, weil sie teilhaben wollen an unserem Wohlstand, und unserer Sicherheit? Weil die Schlepper ein Paradies versprechen? Oder ist es auch, weil sie eine Art Idealvorstellung haben? Eine Welt in der Menschenrechte gesetzlich verankert sind, sprich: auch von staatlichen Organen geschützt und eingehalten werden. Und man sich daher auch sicher fühlen darf. Und egal welcher Hautfarbe, welchen Glaubens, welcher sexuellen Neigung man ist, in Frieden leben kann.

Ich dachte auch einmal, dass diese Welt existiert, und die europäische Idee hätte ihr Rückhalt gegeben. Indes mein Vertrauen: es hat in diesen Tagen auf Lesbos nicht nur einen Riss bekommen. Es droht, zu zerbrechen.

Noch gestern sah ich viele Leute mit durchweichten Schuhen, wenn sie überhaupt welche hatten. Viele gehen in Badeschlappen. Und das am Rand von Europa, protegiert, nein: forciert durch die Politik der EU. Den Nachmittag über fuhren wieder die Ambulanzen in das Lager von Moria. Die Freunde von der No Border Kitchen vermuten, dass die Leute in ihren Zelten unterkühlen.

Nach dem Brand in Moria –  ausgelöst vom puren Bedürfnis nach Wärme war ein Gaskocher explodiert –  kam der Regen. Dann der Sturm. Jetzt die Kälte. Ein Naturereignis welches der Jahreszeit angemessen ist, und durch seine alljährliche Wiederkehr keine Überraschung ist. Aber es gibt KEINE Vorsorge diesbezüglich. Die Leute schlafen auf dem blanken Boden.

 

30.11.16

Ursache für Flucht.

Ich sitze im eben von mir mit R und den Geflüchteten hergestellten Frauenbereich im social center der NBK und nähe hübsche griechische Häkeldeckchen auf große goldgelbe Tücher, alles Fundstücke. Zunächst gesellen sich zwei Männer zu mir. Jener, der mir die Arbeit abnimmt, hat nur noch ein Bein. Es ist ein klassisches Bild, wie wir es aus den Weltkriegen des vergangenen Jahrhunderts von verblichenen Fotos her kennen. Hosenbein umgeschlagen, sehr einfache Krücken. Die beiden Männer leben in Moria, dem so genannten Hotspot. Eingerichtet, um die Forderungen der EU zu erfüllen. Sie waren geschätzt vier Kilometer oder mehr unterwegs gewesen, um bei der No Border Kitchen auf eine Ärztin zu warten, die aber nicht kam. Ich frage nach dem Bein, wie er es verloren hat. „The war, the war. Irak is not good.“ bekomme ich zur Antwort. Dann kommen zwei Frauen, sie haben ihre kleine Kinderschar mit dabei. Die Männer erkundigen sich, ob das ein Frauenbereich sei, und nachdem ich das bestätigt habe, ziehen sie sich zurück. Die beiden Mütter nehmen Platz und schnell Kontakt auf. Warum sind sie aus Afghanistan geflohen? L, die gut Englisch spricht, da sie es im englischen Sprachcenter ihrer Heimatstadt gelernt hat, erklärt mir, dass eben diese Stadt nun voll sei von Taliban und IS-Leuten. Sie haben ihren Mann mit vorgehaltener Waffe aufgefordert, Kämpfer für die radikalen Islamisten zu werden. Im Fall seiner Weigerung würden sie die ganze Familie töten. Sie sahen keine Alternative als zu fliehen. Jetzt sitzen sie auf Lesbos fest und können nicht verstehen, warum man sie nicht weiter reisen lässt. Sie wollen hier nicht leben. L will nach Berlin, wo ihre Schwester wohnt. Sie fragt mich, ob ich ihr Brautkleid mitnehmen könnte, damit es bei ihrer Schwester in Sicherheit ist. Ob sie selbst jemals bis Deutschland kommen wird, ist ungewiss.

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© Dorothea Ronneburg 2016

27 000 Dollar

kostete die Reise für vier Personen. Das war die gesamte materielle Existenz der Familie S, welche zu Geld gemacht wurde, um die Flucht zu finanzieren. Was ist das Konzept der EU? Geht es darum, die Lebensbedingungen im Hotspot so unerträglich zu gestalten, dass die Leute nur noch eines wollen: zurück? Aber wohin? Vor die Mündung eines Gewehrs, oder in die Tyrannei eines radikalislamischen Systems? Oder in die Türkei, wo sie auch keine Chance haben, als in einem System von Ausbeutung und Sklaverei ein trauriges Dasein zu fristen. Geld haben sie ohnehin nicht mehr. Das heißt, man muss es noch schlimmer gestalten, als all das, vor dem die Refugees geflohen sind.

Immer wieder höre ich von offenkundigen Verzögerungsstrategien im europäischen Asylverfahren. Kollision entsteht hierbei z.B. mit den Vorschriften der Inselverwaltung. Kaum Rechtsbeistand. Zwangsaufenthalt unter erniedrigenden, gesundheitsschädlichen, und unerträglichen Zuständen ist die Folge. Mangelnde und grauenvolle Ernährung. Keine Möglichkeit, selbst für Abhilfe zu schaffen außer in der Illegalität. Der Flucht in die Illegalität.

Moria war ein Gefängnis. Und es erscheint mir immer noch, eines zu sein. Ein Gefängnis mit einer Art offenem Vollzug. Ich frage mich, ob nicht für Gefängnisse grundsätzlich Regeln gelten. Ob sie nicht ein Dach über dem Kopf anbieten müssen. Sanitäre Einrichtungen. Betten. All das.

 

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Vor 4 Jahren heiratete L. 2016 gelangte das Kleid bis Lesbos. © Dorothea Ronneburg 2016

2.12.

Brautkleid

Das grüne Brautkleid reist nun im Bauch eines Flugzeuges mit mir nach Berlin. Es war von L den ganzen weiten Weg von Afghanistan bis übers Meer nach Lesbos eng zusammen gerollt mit ihrer Körperkraft getragen worden. Unterwegs wurde die Familie ausgeraubt. Sie mussten selbst die Kleider abgeben, welche sie am Leibe trugen. Ich vermute, die Diebe wussten, dass viele Geflüchtete ihr Bargeld in die Kleidung einnähen.

Ich trage einen hohen Wert. Nach Beendigung des zweiten Weltkrieges, als die Rote Armee im heutigen Tschechien die Deutschen ‚räumte’, musste auch meine Familie fliehen. Indes, meine Großmutter konnte nicht ohne ihr Tafelsilber, und hat dafür ein hohes Risiko auf sich genommen. Nur um dieses Besteck zu retten, verkleidete sie sich als Mann und kehrte in das verlassene Haus zurück. Die Stadt war da beinahe menschenleer und leicht kontrollierbar. Das Besteck habe ich heute noch. Vielleicht ist dies wie ein Bindeglied, und hat L und mich zusammengeführt. Als temporäre Bewahrerin ihres Brautkleides.

 

4-startfreedom-kopie
© Dorothea Ronneburg 2016

6.12.16

Grenzenlos kochen

Nur mühsam komme ich zu Hause an. amnesty hat mich vertröstet. Das Thema ist weit weg. Im Moment geht es darum, auf den um sich greifenden Rassismus hier positiv Einfluss zu nehmen. Ich werde noch einen Versuch mit dieser von mir geschätzten Organisation starten. NBK will am 24.12.16 für ALLE kochen. Für die Leute in Moria genauso, wie für die Volunteers, einfach für alle. Manche sogar für die Polizei. Was für eine höchst christliche Idee, auch wenn das die no border Leute vielleicht nicht so sehen. Nein, es ist einfach großartig, wieviel Liebe – und Fleiß – sie in diese Arbeit geben.

Die Liebe ist es die vielleicht, welche all die Grenzen sprengen wird. Die Liebe ist auch meine Hoffnung. Anders können wir die Stürme der Zukunft nicht überstehen. Und ich finde es auch sehr pragmatisch klug, die Liebe durch den Magen gehen zu lassen. Und träumen muss man.

Imagine there’s no countries […] | You may say I’m a dreamer | But I’m not the only one | I hope someday you’ll join us | And the world will be as one. – John Lennon.

 

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© Dorothea Ronneburg 2016

 

6.12.16

YOU CAN’T EVICT A MOVEMENT!

Ein Ruf, der mir gefällt.

All jene Entscheidungsträger von Seiten der EU und der Mitgliedstaaten, welche diese Misere zu verantworten haben, wünsche ich mir auf die Insel. All diese Schlipsträger und Gekonnt-In-Kameras-Grinser, all jene opportunistischen Heuchler. Und die Von-Rechts-außen-an-die-Macht-Drängler, die wünsche ich mir ganz besonders in so ein Zelt, bei Gewitterregen. Sie sollen all das sehen, fühlen, erleben. Welches menschliche Leid sie geschaffen haben und vor allem, wie sehr es vermeidbar gewesen wäre, und auch jetzt ist. Und gleichzeitig sollen sie auch sehen, dass es eine Kraft gibt, die viele verschiedene Menschen an einem Strang ziehen lässt. Ich empfinde eine große Solidaritätsbewegung mit den Geflüchteten quer durch Altersgruppen und Geschlechter, quer durch die sozialen Schichten, quer durch die Nationen. Und das macht alle, die unterstützen und mitarbeiten, auch stark und wachsam. Sie lässt uns die eigenen Unterschiede vergessen. Und diese Kraft ist jetzt geboren. Und sie war in diesem Maße vorher nicht da. Sie ist all jenen zu verdanken, die wachsam genug waren, AUCH Respekt für Griechenland zu zeigen und Netzwerke von Unterstützung zu schaffen. Danke, an alle die das angefangen haben.

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Lobby Hostel WelCommon In Gold abgesetztes Wandfries mit ornamentalen Motiven. Vorlagen durch Kinder, Jugendliche und Erwachsene hergestellt. Auftrag Schablonentechnik. © Dorothea Ronneburg 2016

 

12/16

Rückschau

Ich erinnere mich an die ersten vier Tage in Athen, wo wir das Welcommon Hostel unterstützen konnten, ebenfalls durch einen künstlerischen Beitrag, gemeinsam mit Geflüchteten. Unbürokratisch, unkonventionell, einfach losgelegt. Die Farbrollen samt der Idee weiter gegeben, die Idee losgelassen. Ich bin gespannt darauf, wie das Welcommon immer mehr von einem Krankenhaus zu einer Herberge wird. Ich bin gespannt ob sein Beispiel Schule machen wird, ja, ich hoffe es sehr. Denn hier ist ein wirklich sinnvoller Ort entstanden aus einer leer stehenden Stadtklinik, die ungenutzt vor sich hin rottete. Jetzt kann sich das Gebäude wieder mit Leben füllen und auch mit der griechischen Hauptstadt und ihren Bewohnern und Gästen in Dialog treten. Und es muss ja auch viel besprochen werden. Es entsteht ein Wirtschaftsfaktor durch den Betrieb einer solchen Unterkunft, welcher aus meiner Sicht nicht unterschätzt werden sollte. Ich habe sehr viel Leerstand in Athen gesehen. Ich wünsche mir Investoren, die sich mutig auf den Weg machen. Nach Athen.

Athen: weltoffene, herzliche Stadt, mit viel, viel Musik. Mit viel, viel Gespräch, und geistigen Austausch, mit viel Lust am Ausgehen, am Essen, am Sozialleben. Mutter aller Städte. Politische Stadt. Aktive Stadt.

Und ich erinnere mich an das Spaghetti Essen in der gemütlichen WG Küche der Volunteers for Lesvos mit den aktuell anwesenden Ehrenamtlichen. Was für wunderbare Leute sind es, die dort Zeit und Kraft spenden, Know-How, Freundlichkeit, Liebe, Mitgefühl. Ich bin sehr begeistert. Yes, we share!

Panel 4

Melina (Oktober-Dezember 2016)

Der Berg

Ich sitze am Rand des Berges – eines riesigen Berges aus zerschnittenen Schlauchbooten und Rettungswesten. Dazwischen Jacken, Schuhe, Schwimmflügel.

Was mag die Mutter gedacht haben, als sie ihr kleines Mädchen in die rosa Prinzessinnen-Schwimmhilfe gesteckt und in ein Schlauchboot gesetzt hat, um das „sichere“ Europa zu erreichen?

Wie verzweifelt müssen die Eltern gewesen sein, deren kleiner Junge die grünen Schwimmflügel mit dem lachenden Delfin trug, um nicht im Mittelmeer zu ertrinken?

Ich glaube, ab heute muss ich jedem Menschen, der versucht mir klar zu machen, dass viele Flüchtlinge ja keine „richtigen“ Flüchtlinge seien, vor die Füße kotzen.

In jeder einzelnen dieser verdammten Rettungswesten steckte ein Mensch. Ein Mensch, der dort, wo er vorher gelebt hat, kein Überleben mehr gesehen hat. Dessen einzige Hoffnung die Flucht nach Europa war.

Langsam sickert das wahre Ausmaß der Katastrophe, die sich hier ereignet hat und auch weiterhin ereignet, in mein Bewusstsein. Der Berg war vor ein paar Monaten noch größer als jetzt, wird uns erzählt. Er sei schon ordentlich geschrumpft. Es sollte diesen Berg nicht geben!

Unwillkürlich muss ich an die Bilder von Bergen persönlicher Gegenstände in den KZs denken. Aber ich sitze gerade weder im Geschichtsunterricht, noch kann ich mich innerlich damit beruhigen, dass das ja alles Vergangenheit und lange her ist… Im Gegenteil: Europa schreibt Geschichte, wir schreiben Geschichte, hier und jetzt! 

Nie war ich mir dessen bewusster. Und nie war ich mir bewusster, dass ich kein Teil dieser Geschichte sein möchte. Kein Teil der Festung Europa.

Das hier sollte keine Müllhalde sein. Es sollte ein verdammtes Mahnmal sein, das uns daran erinnert, wann und wo unsere ach so verwurzelt geglaubte Menschlichkeit verloren ging.

© Melina 2016
© Melina 2016
© Melina 2016
© Melina 2016

Der Brand

Moria: Hier leben eingepfercht hinter Stacheldrahtzaun ca. 2.500 – 3.000 Menschen, größtenteils in winzigen Zelten unter Planen. Männer, Frauen, Familien, Schwangere, Senioren… alle, die nicht das Glück hatten als verletzlicher Fall eingestuft und in einem der anderen Camps untergebracht zu werden. 2 Stunden lang sind meine Arbeitskollegin und ich durchs Camp gelaufen – Social Shift nennt sich das. Wir gehen herum, unterhalten uns mit allen, die unseren Weg kreuzen und den Eindruck machen, sie wären an einem Pläuschen interessiert. Hört sich banal an, funktioniert aber wunderbar. Es tut den Menschen gut, von ihrem Vorher-Leben zu erzählen, gemeinsam ein bisschen auf Moria zu schimpfen, Träume zu teilen und zu lachen. Wir sind eine kurze Ablenkung in einem ansonsten recht grauen Alltag.

Camp Moria, Lesvos, Greece, 1. December 2016
Camp Moria, Lesvos, Greece, Dezember 2016

22:05, Schichtende. Wir stehen vor dem Container, in dem unsere 3 Kollegen aus dem Ärzteteam arbeiten, und überlegen gerade, wer wann mit welchem Auto zurück nach Mytilene fahren wird.

Auf einmal flackert das Zeltmeer keine 100m links von uns auf, Menschen schreien, es brennt! Andere Leute haben wohl eine kleine Explosion gehört, aber daran kann ich mich gar nicht erinnern. Rasend schnell greifen die Flammen um sich, wie Papier fangen die Wände weiterer Zelte Feuer. Nach einer kurzen Schocksekunde schaffen wir es gerade noch zu besprechen, dass wir zusammen bleiben und aufeinander achten müssen.

Dann bricht das Chaos los: ein riesiger Pulk Menschen bringt ein halb im Schlafsack eingewickeltes Kind – es muss in einem der Zelte, die als erstes Feuer gefangen haben, geschlafen haben. Starke Verbrennungen sind am Rücken sichtbar. Kurz darauf wird eine ebenfalls stark verbrannte Frau hergetragen – die Mutter? Alle schreien, weinen, Panik liegt in der Luft, die Zelte brennen immer noch.

Ich versuche den Rettungswagen zu alarmieren, werde aus der Leitung geschmissen, der 2. Anlauf gelingt zum Glück. Und nein, wir brauchen nicht 1 Rettungswagen, wir brauchen so viele wie möglich! Das sind 2 laut Aussage der Frau am Telefon…

Die nächsten Minuten sind wie ein Rausch. Wasser, wir brauchen Wasser!!! Das funktioniert! Ich weiß zwar nicht wo es her kommt, aber es kommt schnell. In der Zwischenzeit rastet ein Mann in der Ärztekabine mit der verletzten Frau total aus und zerlegt das komplette Interieur. Unsere Dolmetscher werden zu Bodyguards und versuchen, die panischen Menschen etwas zurück zu drängen, damit die Ärzte ihre Arbeit machen können. Auf dem Boden sitzt ein Mann, der schreit, weint und sich windet. Seine Freunde halten ihn fest und versuchen ihn zu beruhigen – der Ehemann?

Wir beschließen zum Eingang zu rennen, um den Rettungswagen zur Kabine zu lotsen. Alle anderen NGOs verlassen fluchtartig das Camp. Der Rettungswagen ist ausnahmsweise recht schnell da, aber weigert sich ins Camp rein zu fahren. What the Fuck!?! Wir rennen zurück zur Kabine, um den Anderen Bescheid zu geben, dass sie die Verletzten raus tragen müssen.

Auf  halbem Weg kommt uns eine Masse von ca. 100 aufgebrachten, brüllenden Menschen entgegengerannt. Über ihren Köpfen eine Bahre mit Decke, darunter ein Mensch. Irgendwo dazwischen rennt der Arzt mit dem verletzten Kind-Schlafsack-Bündel im Arm. Bilder wie aus einem Katastrophenfilm… Am Rettungswagen Tumult, war wohl doch gut, dass er nicht rein gefahren ist. Mit Blaulicht fährt er los, der Nächste steht schon bereit.

Und dann? Wohin mit der Wut, der Trauer, der Angst – dieser unglaublichen Frustration darüber seit Monaten in diesem Camp zu vegetieren??? Steine fliegen, Müllcontainer werden durch die Gegend geschubst. Dann greift die komplett vermummte Riot-Police ein. Es knallt! Mit Tränengasgranaten drängen sie die Menschen zurück ins Camp. Überall Rauch.

Unglücklicherweise kriegen wir auch ein paar kleinere Steine ab – völlig absurde Situation – ich kann den Leuten, die sie werfen, nicht böse sein. Ich würde in ihrer Situation wahrscheinlich das Gleiche tun. Wir suchen Schutz hinter einem Container und warten auf eine günstige Situation das Camp zu verlassen. Draußen treffen wir den Rest vom Team wieder, es geht allen den Umständen entsprechend gut.

Es war schlimm für mich, die Polizei mit Tränengasgranaten schießen zu hören und zu sehen – wie muss es da erst jemandem gehen, der einen Krieg und den Tod geliebter Menschen im Gepäck hat? Viele der Geflüchteten haben mit Panikattacken zu kämpfen, werden ohnmächtig. Ich bin so froh, dass unser Ärzteteam da ist! Scharenweise verlassen die Menschen das Camp, ihre Kinder auf dem Arm, die wichtigsten Habseligkeiten auf dem Rücken – wieder auf der Flucht…

Es brennt mittlerweile an mehreren Stellen. Gerüchte darüber, dass jetzt ganz Moria dem Erdboden gleich gemacht werden soll, machen die Runde. Ich denke unwillkürlich, dass es eigentlich ganz gut wäre, diesen Un-Ort verschwinden zu lassen. Wir sind in sicherer Entfernung zum Camp, sehen den Himmel rot glühen, der Geruch von verbranntem Plastik hängt in der Luft.

After the Fire, Camp Moria, 25/11/2016
After the Fire, Camp Moria, 25/11/2016

Die neueren Brandherde sind recht schnell gelöscht, viele Rettungswägen vor Ort. Wir fahren zurück nach Mytilene. Andere NGOs beginnen Decken zu verteilen. Es ist eine kalte Nacht.

Mittlerweile ist klar, dass bei dem Brand ein kleines Kind und eine ältere Frau ums Leben gekommen sind. Ich weiß nicht, ob es das Kind war, das zu uns gebracht wurde, um dessen Leben meine Arbeitskollegen gekämpft haben. Die Frau, die ebenfalls zu uns gebracht wurde, ist noch in der gleichen Nacht in eine Spezialklinik nach Athen geflogen worden. Dort ist sie gestern gestorben.

Der Gedanke, wie bitter es ist, dass die 3 es aller Umstände zum Trotz lebend bis ins „sichere“ Europa geschafft haben, und dann hier in einem Flüchtlingscamp gestorben sind, haftet sich in meinem Kopf fest.

Das Feuer am Donnerstag war noch ein relativ kleines Feuer. Beim letzten Großen im September sind 60% des Camps verbrannt. Moria hat genau 2 Ausgänge.

Neulich in Moria

„Where you from?“

„Arrive when?“

„How long you stay?“

„Moria big problem. Moria no good!“

„Yes, Moria very, very big Problem!“

Die üblichen Alltags- und Begrüßungsfloskeln sind schnell erfasst. Von beiden Seiten – Freiwilligen und Geflüchteten. Der Austausch funktioniert wunderbar! Notfalls auch mit Händen und Füßen. Fast wie ein sich immer wiederholendes Theaterstück. Eine neue Sprache ist entstanden: Refugenglish. Sprechen tausende von Menschen auf Lesvos und jetzt auch ich fließend.

Nach dem Austausch der Standardfloskeln wird es dann manchmal schwierig. Ich weiß nicht immer worüber ich mit den Menschen reden kann. Angesichts des so offensichtlichen Missstandes fällt Smalltalk noch viel schwerer, als er mir sowieso schon fällt.

Fragen zur Familie? Das kann derbe nach hinten losgehen! Viele haben auf der Flucht oder vorher schon Angehörige verloren. Oder Angehörige in ihren Herkunftsländern zurücklassen müssen, um deren Überleben sie jetzt bangen. Andere freuen sich total über Nachfragen, zücken augenblicklich ihre Handys und lassen einen erst wieder gehen, wenn man in aller Ausführlichkeit Kinder, Enkelkinder und Partner_innen bewundert hat.

Fragen zur Flucht? Völlig ausgeschlossen! Sie könnten zu Retraumatisierung oder Flashbacks führen. Und wir können nichts, aber auch gar nichts tun oder auffangen. Manchmal fangen die Menschen von alleine an von ihrer Flucht zu erzählen. Von den Soldaten, die an der türkisch-syrischen Grenze auf Flüchtlinge schießen, von der Überfahrt nach Lesvos, von der Angst erwischt zu werden, von der Sorge um die, die geblieben sind. Ein irakischer Vater von drei zuckersüßen kleinen Kindern erzählt, dass das Schlauchboot, in dem er und seine Familie saßen, 6 Mal von der Küstenwache zurück in türkische Gewässer gedrängt wurde, bevor es im 7. Anlauf endlich gelang Lesvos zu erreichen. Was soll ich ihm antworten?

„Ich kann mir vorstellen, dass das sehr schlimm gewesen sein muss…“

Nein – Gelogen! Ich kann es mir nicht vorstellen, nicht mal annähernd. Weil ich nämlich wohlbehütet in Europa aufgewachsen bin und bisher in keiner auch nur annähernd vergleichbaren Situation gesteckt habe. Und wohl auch so bald nicht stecken werde.

Was immer geht, ist gemeinsam ein bisschen über Moria zu schimpfen: „Food no good my friend. Moria very bad. Big problem. Always fight. Moria dangerous.“ Ja, ich weiß … und du hast Recht! Und es gibt nichts, was ich tun kann.

Wir reden mit einer Gruppe junger Männer aus verschiedenen afrikanischen Ländern. Fragen zur Zukunft gehen immer. Wo würdest du leben, wenn du es dir aussuchen könntest? Als was würdest du arbeiten? Wovon träumst du? Wie machst du das, das hier zu überstehen? Einer der Männer sagt, dass er irgendwann, wenn er es geschafft hat sich ein gutes Leben aufzubauen, noch mal nach Moria zurückkommen möchte. Als Tourist. Wir fangen an herum zu fantasieren: „Stellt euch vor, in ein paar Jahren gibt es das hier alles nicht mehr. Alle Zäune sind kaputt und überall wuchert dichter Urwald. Ihr bräuchtet dann eine Machete um euch überhaupt einen Weg bahnen zu können. Und die Forscher der Zukunft würden sich fragen, was das hier wohl mal war…“ Ein zufriedenes Lächeln zeichnet sich auf allen Mündern ab, Blicke schweifen in die Ferne.

„You Almanya?!? Ohh, Almanya very good! Mama Merkel. Me Almanya!“

Man mag ja von Merkels Politik halten was man will. Aber Eines hat sie – ob gewollt oder nicht – definitiv erreicht: sie hat den Menschen Hoffnung und das Gefühl, irgendwo auf dieser Welt gewollt zu sein. gegeben. Mir wird erst hier bewusst wie stark und wichtig das war. Trotzdem kann ich die ungetrübte Begeisterung über Deutschland nicht ganz teilen. Nein, Deutschland ist nicht das Land, in dem Milch und Honig fließen. Hier gibt es auch Probleme. Aber Menschen müssen nicht in Zelten schlafen? Ja, das stimmt wohl…

„You. Me. Germany!“

Nein, ich kann dich leider nicht mit nach Deutschland nehmen. Obwohl… Warte!

Hosen- oder Jackentasche aufmachen + Hand in der Tasche verschwinden lassen + lachen = Ok, du kannst in meiner Tasche mitkommen!

Diese Antwort funktioniert wieder und wieder, lässt alle lachen. Und nimmt das Frustrationspotential, das die Frage ihrerseits und auch meinerseits bietet. Wenn die Menschen wüssten, wie gerne ich jede(n) Einzelne(n) von ihnen mitnehmen und ihnen die Chance auf ein besseres Leben, die sie verdient haben, bieten würde.

„Wie stellt ihr (Europäer) euch das vor? Wir leben hier wie die Tiere!“

„Warum macht ihr das?“

„Wie findest du Moria?“

„It´s a shame. It is a shame that something like that is happening. It makes me very, very sad to see it.“

Oder auch:

„Sorry, it is not my fault. I am not the president. If I was the president: Moria close! All come!“

Je nachdem ob gerade eher Anteilnahme oder Entschärfung gefragt ist.

Und trotzdem ist die Grundstimmung in den Camps erstaunlich positiv, hoffnungsvoll, herzlich, manchmal sogar ausgelassen. Jede(r) tut, was er/sie kann. Reißt sich zusammen, macht weiter. Wenn auch auf Sparflamme.

Social Shift heißt, in den Abendstunden in Zweierteams durch´s Camp zu laufen und mit allen, denen man begegnet und die interessiert wirken, ein bisschen zu plauschen. „Wie soll denn das gehen?“, habe ich am Anfang noch gedacht. Aber so einfach das Konzept ist, so gut hat es funktioniert. Die Social Shift in Moria ist eine der Aufgaben, die ich am liebsten übernommen habe. Die 2 Stunden vergingen regelmäßig wie im Flug und man konnte hinterher fast immer mit dem wohligen Gefühl etwas Gutes bewirkt zu haben, nach Hause fahren.

Der neue Alltag

Es ist Ruhe eingekehrt auf Lesvos – zumindest auf den ersten Blick. Die Bilder der völlig überfüllten Schlauchboote, mit denen täglich hunderte oder tausende auf ein besseres Leben Hoffende an Lesvos´ Küste strandeten, gehören vorerst der Vergangenheit an. Die Dinge gehen ihren Lauf, gaukeln Normalität vor. Die humanitäre Krise offenbart sich erst auf den zweiten Blick. Und auch all die großen und kleinen Widersprüche, die das Leben und Arbeiten auf Lesvos prägen, offenbaren sich langsam. Stück für Stück.

Seit dem Türkei-Deal ist die Zahl der registrierten Ankünfte stark zurückgegangen. Andere, teilweise noch viel gefährlichere Fluchtwege gewinnen wieder an Bedeutung. Gleichzeitig ist allen bewusst, dass sich die Situation von einen auf den anderen Tag wieder ändern kann. Spannung liegt in der Luft.

Gehen oder bleiben? Viele NGOs sind schon gegangen, andere sitzen auf gepackten Koffern. Es ist schwierig geworden Spendengelder für Lesvos zu sammeln. Die Insel verschwindet aus dem Bewusstsein des allgemeinen Interesses.

Ich habe also in meiner Zeit auf Lesvos weder ankommende Boote gespottet, noch am Strand Menschen in Empfang genommen, noch trockene Kleidung und heißen Tee verteilt, noch die direkte Erleichterung, diese Bootsfahrt überlebt zu haben, erlebt. Eigentlich kann ich mir kaum vorstellen, wie die Situation hier noch vor ein paar Monaten war. Selbst wenn ich die Bilder sehe und mit Menschen rede, die diesen Wahnsinn miterlebt haben. Ich kriege es nicht in meinen Kopf. Er weigert sich, das ganze Ausmaß zu erfassen. Das ist vielleicht auch gut so … The Show must go on! Für zwei Monate mit mir als klitzekleinem Teilchen irgendwo in dieser riesigen Maschinerie. Es fällt mir schwer über das, was ich vorgefunden habe, hinaus zu denken, Zusammenhänge zu verstehen. Mir fehlt der Weitblick. Das war am Anfang. Mittlerweile hat mein Kopf das ganze Ausmaß begriffen. Zumindest dessen, was ich miterlebt und gesehen habe. Es macht mich sprachlos. Hilflos. Wütend!

Manchmal ärgere ich mich über die Menschen, mit denen ich arbeite. Über die Kinder, die unsere Kabine mit Steinen bombardieren. Über die Mutter, die ihr kleines Kind unbeaufsichtigt durchs Camp laufen lässt. Über den Mann, der eine laufende Nase hat und sich deshalb zum Arzt vordrängeln will, während sich neben ihm jemand vor Schmerzen krümmt. Dann zwinge ich mich mir vorzustellen, dass jeder einzelne dieser Menschen – egal ob alt oder jung – in einem dieser Boote saß und ernsthaft um sein Leben bangen musste. Das war auch am Anfang.

Je länger ich hier bin, desto seltener werde ich auf die Menschen wütend. Mittlerweile treibt mich eher die Gesamtsituation zur Weißglut. Wie kann es sein, dass hier ein gesamteuropäisches Problem auf dem Rücken einer kleinen Insel ausgetragen wird? Auf dem Rücken derer, die unseren Schutz bräuchten? Und das ganze Chaos zwischen den NGOs. Und in den NGOs. Gut, dass Volunteers for Lesvos nicht auch noch in die Camps geht, sondern an anderer Stelle unterstützt. Gut, dass ich so tolle Mitbewohner_innen habe, mit denen mein Weitblick wächst und wächst. Und auch der Nahblick.

Auf Lesvos sitzen nicht nur die NGOs auf gepackten Koffern. Vor allem sitzen die Geflüchteten auf gepackten Koffern. Im wahrsten Sinne des Wortes. Nein, eigentlich sitzen sie nicht, sie leben aus gepackten Koffern. Denn das Leben geht irgendwie weiter. Und wie sieht er aus, dieser neue Alltag?

Das lässt sich gar nicht pauschal beantworten, stelle ich fest, noch während ich die Frage notiere.

Denn wer soll das denn eigentlich sein, die „Flüchtlinge“? Hier kommen so viele unterschiedliche Menschen mit so vielen unterschiedlichen Geschichten, Einstellungen und Hintergründen zusammen. Reicht der Minimalkonsens, dass sie alle die Erfahrung gemacht haben, ihre Heimat verlassen zu müssen oder wollen, um aus ihnen eine scheinbar homogene Gruppe zu konstruieren? Eigentlich nicht… Aber egal! Diese Diskussion gehört wohl an eine andere Stelle.

Also, der neue Alltag: Was tatsächlich allen gemeinsam ist, ist der Zustand des Transits. Niemand möchte auf Lesvos bleiben. Die Insel ist eine Etappe von vielen auf dem Weg nach … Ja, wohin denn eigentlich? Sagen wir Europa. Das trifft auf die Meisten zu, mit denen ich geredet habe. Die Menschen stecken also auf Lesvos fest. Und das nicht seit ein paar Tagen oder Wochen, sondern seit Monaten. Aus dem Transit wurde ein Sumpf. Es wird gewartet. Und gewartet. Und gewartet. Darauf, dass es weitergeht. Darauf, endlich irgendwo anzukommen und ein neues Leben anzufangen. Das Warten kann zur tagesfüllenden Beschäftigung werden, wenn die Alternativen fehlen. Zur Untätigkeit gezwungen. Diesen Ausdruck habe ich in den letzten 2 Monaten so oft gehört wie noch nie.

Dreh- und Angelpunkt ist der Interviewtermin bei der EASO (European Asylum Support Office). Diese „Hilfsbehörde“ trifft eine vorläufige Entscheidung über den Asylantrag und erteilt die Erlaubnis zur Weiterreise nach Athen. Ich habe gehört, dass die EASO pro Tag etwa 2-3 Interviews durchführt. Wartezeiten von bis zu 10 Monaten sind nicht ungewöhnlich.

Athen – der nächste Schritt, Hoffnungsträger. Es tut mir weh zu wissen, dass auch Athen nicht das Ende der Flucht sein wird, nicht das erhoffte Paradies. Das wird für viele sicherlich eine derbe Enttäuschung. Und wie oft kann man eigentlich die Hoffnungen und Träume eines Menschen zerschmettern, ohne dass das Folgeschäden hat?

Was den Alltag der Menschen ganz entscheidend mitbestimmt, ist der Ort an dem sie untergebracht werden. Moria, Kara Tepe oder das Caritashotel sind die wahrscheinlichsten Optionen. Über Moria hatte ich ja bereits in anderen Texten berichtet. Wobei man die Umstände dort gar nicht oft genug anprangern kann. Die letzten Abende, die ich Mitte Dezember in Moria verbracht habe, waren die ersten, an denen es gefroren hat. Mittlerweile sind Bilder von unter Schnee zusammengebrochenen Zelten durch die Medien gegangen. Die griechische Küstenwache bringt jetzt Menschen auf einem Schiff unter. Es gab viele Todesfälle in den letzten Wochen, CO2-Vergiftungen. Warum?

Kara Tepe ist das andere große Camp, in dem ich viel Zeit verbracht habe. Es ist ein spezielles Camp für Familien, das auf einem ehemaligen Verkehrsübungsplatz mit angrenzendem Olivenhain errichtet wurde. Ca. 1000 Menschen, davon 500 Kinder, leben dort in sogenannten „Pre-Fabs (Fabrics)“. Das sind „Boxen“ aus hartem Plastik, wasser- und winddicht, ca. 12m² groß, eine Tür, zwei Fenster, Doppelstockbetten, Decken und – das Wichtigste – ein gasbetriebener Heizofen. Jede Familie bekommt ihre eigene „Box“. Das Essen wird Familie für Familie verteilt. Es muss also niemand wie in Moria Schlange stehen und Angst haben, dass am Ende nicht genug für alle da ist. Es gibt einen Kinderspielplatz, ein Fußballfeld, viele Container von NGOs, die dort verschiedene Dinge im Angebot haben: Kinderprogramm, Kino, Frauengruppen, Männercafés, Geigenunterricht, … Zwischen den „Boxen“ ist viel Platz, Kinder rennen umher, viele Familien haben sich aus Paletten Sitzmöbel gebaut, sitzen draußen, plaudern mit Nachbarn und Freiwilligen. Es ist schön durchs Camp zu laufen, bekannte Gesichter zu sehen. Hallo hier, Hallo da! Hin und wieder werden wir zum Tee eingeladen. Gastfreundschaft wird groß geschrieben, selbst wenn eigentlich zum Teilen kaum was da ist. Kara Tepe ist in Ordnung. Könnte in Ordnung sein, für ein paar Tage, ein paar Wochen. Aber nicht für Monate. Das darf man nicht vergessen. Der Alltag gaukelt Normalität vor…

Das größte „Glück“, haben diejenigen, die im Caritashotel untergebracht werden. Wobei Glück in dem Fall wohl auch relativ ist, denn um dort bleiben zu dürfen, muss man ein „besonders verletzlicher Fall“ sein: schwer traumatisiert, alleinerziehend, körperlich eingeschränkt oder psychisch sehr labil. Und umgekehrt bedeutet das auch nicht, dass alle Menschen, auf die das theoretisch zutrifft, dort aufgenommen werden.

Trotz der „schweren Fälle“, die dort aufeinander treffen, merkt man im Caritashotel sofort eine ganz andere Atmosphäre. Es handelt sich eben wirklich um ein Hotel mit allem Pipapo: gläserne Empfangshalle, Aufenthaltsräume, schöne Begrünung im Außenbereich, Strand in 2 Minuten zu Fuß erreichbar. Es kursiert das Gerücht, ein anonymer Spender habe das ganze Hotel gemietet und der Caritas Griechenland zur Verfügung gestellt. Wer weiß, ob das stimmt, aber die Menschen sind dort sicherlich viel besser untergebracht, als in den anderen Camps. Sie haben ihre eigenen Zimmer/Bungalows mit Dusche etc. Ich verstehe nicht, warum nicht mehr Hotelbesitzer ihre Hotels zur Verfügung stellen. Alle reden über die großen finanziellen Einbrüche seit Rückgang der Touristenzahlen, während die großen NGOs händeringend nach alternativen Unterkünften suchen – welche sie sogar bezahlen würden – und keine finden…

Zurück zum Alltag… Was außerdem allen, die auf Lesvos gestrandet sind, gemeinsam ist, ist die komplette Fremdbestimmtheit. Wann es was für Essen gibt, wann es was für Kleidung gibt, wo du wie wohnst, wer deine Nachbarn sind, ob du schwitzt oder frierst, ob dein Kind zur Schule geht: Nicht deine Entscheidung! Darüber ob die Kinder zur Schule gehen können, diskutieren Gesundheits- und Bildungsministerium. Es fehlen Impfungen. Darüber welche genau für einen Schulbesuch benötigt werden, können sich die Ministerien nicht einigen. Schade, können halt hunderte von Kindern nicht zur Schule gehen. Seit Monaten. Obwohl es schon eine große Impfkampagne gab. Menschenrecht auf Bildung??? Na, wo kämen wir denn da hin…

Und all diesen Umständen zum Trotz schaffen es viele, unbeirrt ihren Weg weiter zu gehen. Da sind die Imbissbuden vor den Camps, für 2,50€ gibt es syrische Falafel. In den Camps gibt es Teezelte, M.´s Schokocapucchino wärmt kalte Hände und die Seele. Bei den kurdischen Jungs sorgt eine bunte Lichterkette für Diskofeeling. Bezahlen darf ich selten. Ein geflüchteter Lehrer bringt den Kindern und Erwachsenen nun Englisch und Farsi bei. Zwei Mädels fragen uns, ob wir ihnen eine Katze besorgen können. Sie wünschen sich ein Haustier. Haus und Fressnapf gibt es schon, fehlt nur noch die Katze. An einem Olivenbaum baumelt eine Schaukel, gebaut aus einem alten Autoreifen. In einer leeren, durchlöcherten Olivenöl-Tonne knistert ein gemütliches Feuer. Menschen versammelt sich, reden, lachen, schweigen, wärmen sich auf. Ich liebe es, das Feuer durch die kleinen Löcher in den Tonnen zu beobachten. Es leuchtet so schön! Ganz normale Menschen, ganz normale Situationen. Trotz der katastrophalen Gesamtsituation. Ich bin beeindruckt von der doch recht positiven Stimmung in den Camps. Ja, die Grundstimmung ist positiv! Ich fühle mich nicht belastet, wenn ich abends nach Hause gehe. Und doch weiß ich, wie schnell die Stimmung kippen kann, spüre es unter der Oberfläche brodeln. Habe es selbst miterlebt, an dem Tag, als das Feuer ausbrach.

So, und nun mein neuer Alltag. Beziehungsweise mittlerweile auch schon wieder alter Alltag. Im Vergleich zu Südamerika neu gewesener Alltag… gearbeitet habe ich in einer kleinen niederländischen NGO. Zusammen mit Samantha, einer anderen Volunteers for Lesvos – Freiwilligen, habe ich zwei Monate lang das „Psycho Social Support (PSS) Team“ unterstützt. Jeden Tag ging es raus in die Camps: Kinderprogramm, Social Shift, Ausflüge mit Familien, Schachspielen für die Erwachsenen, Kino für die Kinder, besondere Aktionen zum Weltkindertag, Englischunterricht, Armbänder knüpfen, Crowd Control (=„Empfangsdame“ fürs Ärzteteam spielen), Kreativangebot für die Erwachsenen. Die Arbeit an sich hat mir wirklich jede Menge Spaß bereitet. Gerade gegen Ende, als meine Motivation etwas nachließ, konnte ich so deutlich spüren, wie viel Energie mir die Menschen zurückgeben haben. Wie gerne denke ich jetzt an die Ausflüge mit den Familien zurück! Was für tolle Situationen, in denen ich quasi sehen konnte, wie die Anspannung für einen Moment der Ausgelassenheit, der Freude, dem Gefühl mal kurz wieder „normal“ sein zu können, weicht. Raus aus dem Camp, rein die Natur. Ein so wunderbar bereicherndes Erlebnis für alle Beteiligten! Selbst die teilweise doch ganz schön verhaltensauffälligen (um es nett zu sagen ;-)) Kinder vermisse ich mittlerweile. Ihre Energie, ihre Fähigkeit sich auf Dinge einzulassen, kreativ zu sein – wenn man es schafft, den Raum dafür zu schaffen. Was aus ihnen wohl wird? Die Schach- und Backgammonabende in unserem Container: Ein paar Schachspiele, ein Heizlüfter, heißer Tee und irgendein Handy aus dem Musik dudelt – viel braucht es eigentlich gar nicht, um Gemütlichkeit herzustellen.

Was für mich tatsächlich schwieriger und schwieriger wurde, war die Unmöglichkeit der Gesamtsituation. Wie soll man mit einem ständig wechselnden Team von Freiwilligen längerfristige, qualitativ hochwertige Angebote zur Verfügung stellen? Warum wird die ganze Zeit über, statt mit den Geflüchteten geredet? Warum braucht jede kleine Veränderung soooo viel Zeit, obwohl doch alle total flexibel sind? Ist es wirklich besser so viel wie möglich anzubieten anstatt das, was man macht, so gut, wie möglich zu machen? Und warum gibt es keine längerfristigen Dienstpläne oder festere Zuständigkeiten für bestimmte Bereiche? Und wie lange kann man eigentlich durcharbeiten ohne zu wissen, wann man das nächste Mal frei hat? Und warum bieten nachmittags in Kara Tepe x verschiedene Organisationen gleichzeitig Kinderprogramm an? Ich weiß nicht, wie genau dieser Effekt entsteht, aber ich habe das Gefühl, dass auf Lesvos so viel Energie und Ideen, die Freiwillige mitbringen, einfach ungenutzt verpuffen. Auch meine. Und das macht mich irgendwie wütend. Gleichzeitig auch nicht. Auf wen soll ich da wütend werden? Auf die NGOs, die versuchen irgendwie das Beste draus zu machen? Auf die Politiker, denen das Schicksal tausender von Menschen am Allerwertesten vorbei geht? Auf die EU? Auf eine Menschheit, die zulässt, das so etwas passiert?

Die Umstände auf Lesvos verheizen Menschen: Freiwillige und Geflüchtete. Mit dem Unterschied, dass die Freiwilligen irgendwann einfach ins Flugzeug steigen und wieder weg fliegen können. So auch ich. Kleiner und kleiner wird die Insel unter mir.

Panel 5

Anja Sophie (Oktober 2016)

Inmitten von Olivenhainen

Während die öffentliche Aufmerksamkeit schwindet, werden die Zustände in den griechischen Flüchtlingslagern immer dramatischer. Hilfe ist nötiger denn je.

Ein Erfahrungsbericht von Anja Sophie Krauss (erschienen in der bbz 02/17 der GEW)

Die griechische Ägäisinsel Lesvos ist neben Chios und Samos die häufigste Anlaufstelle für Geflüchtete, die in Schlauchbooten von der Türkei aus nach Europa übersetzen. Zur türkischen Grenze sind es an der engsten Stelle nur sechs Kilometer. Die Küste erscheint je nach Witterung in greifbarer Nähe und doch ist es eine Überfahrt, die die Menschen in lebensbedrohliche Gefahr bringt. Dramatik und Ausmaß der Situation wurden mir im Norden der Insel auf dem sogenannten »lifevest-graveyard« bewusst. Ein Meer von Rettungswesten liegt dort aufgeschüttet in der kargen Landschaft. Kinderwesten neben Notfallpfeifen, verlorene Jacken neben kaputten Booten mit türkischen Schriftzügen. Manche der Rettungswesten sind lediglich Attrappen. Sie saugen sich nach kurzer Zeit mit Wasser voll und ziehen die Menschen unter Wasser. Kinder werden zum Teil mit Schwimmflügeln in die winzigen Boote gesetzt. Das berichtete uns eine freiwillige Helferin, die mithalf, die Boote an den Stränden in Empfang zu nehmen.

Als Berliner Assistenzärztin habe ich gemeinsam mit einer befreundeten Kinderkrankenschwester und Sozialarbeiterin im Oktober 2016 zwei Wochen auf Lesvos verbracht, um als ärztliche Volontärin an einem der wichtigsten Ankunftsorte für Geflüchtete mitzuhelfen.

Die Bedingungen sind würdelos

Mein Haupteinsatzort war Moria. Dieses sogenannte »Hotspot-Flüchtlingslager« ist ein unsäglicher Ort inmitten von Olivenhainen. Etwa 4.500 gestrandete Menschen schlafen hier hinter Zäunen und Absperrungen in Zelten und manchmal lediglich unter notdürftigen Plastikplanen auf dem Boden. Die Eindrücke aus diesem Lager sind schwer in Worte zu fassen. Das Leben hier ist für die Menschen würdelos, identitätsschluckend. Auf den ersten Blick sieht man erst einmal nur eine Menschenmasse: da sind Junge, Alte, Kinder und Neugeborene, Menschen am Gehstock und viele, viele ohne Familie, die alleine auf dem Weg sind.

Neben den oft schweren traumatischen Erfahrungen im Heimatland und während der Flucht, ist die aktuelle Ungewissheit und Perspektivlosigkeit der Menschen hier am schlimmsten. »Zu Hause gab es ein 50-prozentiges Risiko, getötet zu werden. Hier gibt es ein 100-prozentiges Risiko, depressiv zu werden«, so beschrieb es ein Geflüchteter.

Hier auf Lesvos sind so viele Menschen angekommen, die weite Strecken unter schwierigsten Bedingungen zurückgelegt haben. Es sind die Menschen, die die Flucht und Überfahrt überlebt haben. Viele trauern um Angehörige und Freunde, von denen keine Lebenzeichen mehr kommen oder über deren Lage keine Informationen vorliegen.

Als Ärztin war ich in der Akutsprechstunde für Erwachsene und Kinder tätig. Häufigste Krankheitsbilder sind pulmonale sowie gastrointestinale Infekte, Unterkühlungen, Dehydration und Schockzustände sowie Hautinfektionen und Riss- und Quetschwunden. Persönlich bleiben mir viele Einzelschicksale besonders in Erinnerung. So beispielsweise die akute Not eines jungen Mannes aus Eritrea, der zusammengeschlagen worden war und während der Erstversorgung plötzlich reanimationspflichtig wurde. Der Einsatz wurde durch Abstimmungsprobleme mit Ambulanzen, Polizei und Krankenhaus zusätzlich erschwert, was wir im Team als sehr belastend und frustrierend empfunden haben.

Im Rahmen der medizinischen Versorgung sahen wir auch viele traumatisierte Patienten, die aus umkämpften und zerbombten Regionen geflohen sind, nun hier festsitzen und deren Weiterreise seit Monaten ungewiss ist. Ihr Schicksal ist völlig offen. Manche stellen sich mit vordergründig vergleichsweise kleinen Beschwerdebildern vor. Oft steht dahinter das tiefe Bedürfnis, gesehen zu werden, Zuwendung und Hilfe zu erfahren – und sei es aufgrund eines grippalen Infekts. Leider hatten wir zudem jedoch auch regelmäßig Patienten mit Selbstverletzungen, insbesondere Schnittverletzungen sind häufig.

Die Ungewissheit der eigenen Zukunft und die schlechten humanitären Bedingungen tun das übrige, um die Gefahr einer Eskalation in den Camps hervorzurufen.

84 Menschen in einem Schlauchboot

Den regelmäßig vom UNHCR veröffentlichten Zahlen zufolge kamen im Jahr 2016 bisher insgesamt 95.892 (Stand 22.11.16) geflüchtete Menschen in Lesvos an. Nachdem die Grenzen im März 2016 geschlossen wurden, ist die Zahl der Ankommenden zunächst deutlich gesunken. Seit einigen Wochen wagen jedoch wieder vermehrt Menschen die sehr gefährliche Überfahrt, auch aufgrund der aktuellen politischen Situation in der Türkei. Die maximale Zahl der Menschen an Bord hat sich inzwischen verdoppelt. Den traurigen Rekord hält ein Schlauchboot mit 84 Menschen an Bord.

Zum Zeitpunkt unseres Aufenthalts auf Lesvos befanden sich nach offiziellen Angaben 5.918 Geflüchtete in den Camps der Insel, davon rund 4.500 im Hauptlager »Moria«, das ursprünglich nur als Übergangslager geplant war und trotz einer zwischenzeitlichen Erweiterung lediglich 2.500 Plätze zur Verfügung hat.

Während unserer Einsatzzeit wurden die etwa 4.500 Geflüchteten in Moria im Schichtsystem von durchschnittlich zwei bis drei Ärzten in medizinischen Containern versorgt. Der Großteil der Arbeit wird von freiwilligen Helfern getragen. Die Mittel sind dabei stark begrenzt und werden von Spenden finanziert.

Nach Schließung der Grenzen im März 2016 wurden die Geflüchteten zwischenzeitig im Camp Moria hinter verschlossenen Toren festgehalten. Amnesty International (AI) prangerte die menschenunwürdigen Zustände bereits im April an und beschrieb die Angst und Verzweiflung der zu diesem Zeitpunkt inhaftierten Menschen, die kaum Zugang zu Rechtshilfe und regulären Gesundheitsdienstleistungen hatten.

An dieser Situation hat sich nach unserer Beobachtung nicht viel geändert. Die schon durch AI beklagten Mängel, wie fehlende Decken oder mangelnde Privatsphäre, bestehen fort. Zwar sind die Tore von Moria für die Geflüchteten wieder passierbar, jedoch unterliegt der Zugang für die Öffentlichkeit oder Presse starken Zugangsbeschränkungen. Auch Fotografieren ist den Freiwilligen untersagt.

Die Lage vor Ort wirkt noch sehr viel verheerender, als es die Berichterstattung in Deutschland vermuten lässt. Wiederholt erfuhren wir, dass der Wasserbedarf in den sanitären Anlagen im Tagesverlauf nicht ausreichend gedeckt werden kann. Oft liegt ein beißender Geruch in der Luft durch entsprechend dürftige sanitäre Anlagen, neben denen die Menschen kampieren müssen. Mit Einbruch des Winters – der wohl kälteste in Griechenland seit 20 Jahren – sind die Bedingungen im Lager lebensbedrohlich geworden. Die Menschen schlafen in zugschneiten, vereisten Sommerzelten – und das schon seit Wochen.

Seit dem Grenzschluss im März 2016 warten weiter viele Migranten und Geflüchtete auf ihr erstes Interview, um Asyl beantragen zu können. Das Recht der Prüfung des Asylantrages vor einer möglichen Rückführung in die Türkei wurde den Betroffenen im Rahmen des sogenannten EU/Türkei-Deals zugesichert. Hierfür mangelt es jedoch drastisch an Asyl-Experten zur Bearbeitung der Anträge. Wie in einem kürzlich veröffentlichten Artikel in der Zeit bestätigt wurde, entscheiden derzeit neun Beamte über die Asylanträge von etwa 6.000 Menschen auf Lesvos. Unterdessen spitzen sich die Bedingungen in den Camps weiter zu. Auch die zunehmende mentale Anspannung ist zu spüren.

Nach unserer Rückkehr erfuhren wir von der weiteren Verschärfung der Situation. Ein erneuter Brand in Moria verwüstete das Lager und hat dabei Menschenleben gefordert, darunter das eines sechsjährigen Kindes. Trotz dieser Eskalation vor Ort scheint das mediale Interesse eher abzunehmen. Unterdessen wurde kürzlich vom Spiegel aus einem internen Bericht des Europäischen Rates zitiert, dem zufolge die Lage in den Camps der Ägäisinseln als so instabil eingestuft wurde, dass keine EU-Beamte mehr in die Lager geschickt werden. Da stellt sich die Frage, wie es besser werden soll.

Gerade in Anbetracht dieser Entwicklung ist es wichtig, die solidarische und humanitäre Hilfe vor Ort fortzusetzen. Wir hatten uns mit Hilfe des Berliner Projekts Volunteers for Lesvos (VfL) entschlossen, vor Ort zu helfen. Das Projekt wurde im Herbst 2015 nach einem Unterstützungsappell lokaler Organisationen auf Lesvos von der Initiative: Respekt für Griechenland gegründet (s. bbz der GEW 04/05 2016). Volunteers for Lesvos ist ein Hilfs- und Solidaritätsprojekt, dessen Kern ein wechselndes Team von Freiwilligen mit verschiedenen beruflichen Hintergründen darstellt. In der Hauptstadt Mytilini lebt man als Volontär gemeinsam mit anderen Teammitgliedern in einer Wohnung in der Nähe des Hafens und unterstützt die lokalen und internationalen Hilfsorganisationen vor Ort. Da nur bestimmte NGOs in den Camps zugelassen sind, ist es nicht einfach als unabhängiger Freiwilliger vor Ort zu arbeiten. Je nach beruflichem Hintergrund und gewünschtem Einsatzbereich schließen sich die Freiwilligen daher vor Ort den einzelnen NGOs an. Rat und Unterstützung bekommt man im Vorfeld eines geplanten Einsatzes von der Projektkoordination. Dies erleichtert einem den Einstieg in die Hilfsarbeit enorm.

In Mytilini sind diverse NGOs vorzufinden – als freiwilliger Helfer gibt es daher viele Möglichkeiten sich einzubringen: Neben dem medizinischen Einsatz kann man sich in weiteren Bereichen engagieren und beispielsweise helfen Kleider zu sortieren, Essen zuzubereiten oder neu ankommende Boote am Strand zu versorgen. Auch Lehrkräfte und Sozialarbeiter werden für den wichtigen Bereich der psychosozialen Arbeit gesucht. Die Tätigkeiten umfassen Angebote an Unterricht, Kindergruppenbetreuung und kreative Projekte mit Kindern. So wurde in einem der kleineren Lager eine Talentshow mit einigen Kindern vorbereitet und schließlich im Camp aufgeführt. Auch ein Fotoworkshop mit Kindern und Erwachsenen kam zustande. Zudem finden Treffen allein für Frauen und Familien statt. Die Kreativität der Volontäre ist dabei ausdrücklich erwünscht.

Die gemeinsame Arbeit im internationalen Team sowie der persönliche Kontakt zu Betroffenen haben wir als  sehr bereichernd erlebt. Sie ermutigen zu weiterem Engagement. Können die erschütternden Meldungen manchmal das Gefühl einer Ohnmacht hinterlassen, tut es gut, aktiv zu werden und entsprechende Anlaufstellen zu haben. Dies ist möglich durch persönlichen Einsatz oder über Spenden.

Dr. Anja Sophie Krauss, Assistenzärztin im Bereich Innere Medizin/ Infektiologie